Schwarzwald: Von Baden-Baden nach Freiburg – 130 km

Tag 5 Wolfach – Biereck: What’s that coming over the hill?

Da wir nach einem Tag Pause nun ein bisschen Strecke machen müssen, verlassen wir meine Route (die uns noch zu den Triberger Wasserfällen hätte führen sollen) und versuchen den zügigeren Weg über Elzach nach Freiburg einzuschlagen. Die ersten Kilometer sind wir zu faul für den Wald und die Berge und laufen den Fahrradweg nach Hausach. Es ist wieder gefährlich sonnig und wir laufen auf offenem Feld. Ein paar Fahrradfahrer geben uns ungefragten Rat, bei der Sonne doch in die Berge und den Wald zu flüchten. Aber die haben halt auch keine Ahnung! Auf flacher Ebene fangen wir tatsächlich an miteinander zu reden und uns nicht nur Kommandos entgegenzurufen (“Pause machen!”, “Karte lesen!”). Da es so heiß ist und unsere Hirne Brei, sind die Gespräche natürlich Quatsch und bestehen zu einem großen Teil aus “Ich steige aus dem Sweeeeeeg!”-Improvisationen und Werbejingles (DAMN YOU, Zott Sahne Joghurt!).

Der Nachbarort Hausach ist gar nicht so hässlich, wie es uns die Wolfacher weiß machen wollten. Hier geht es etwas städtischer zu: es gibt Kneip-Armbäder, eine Schule, einen Kik und einen völlig überfüllten Eisladen. Und was hat Wolfach? Touristen, einen Typen im Nachtwächterkostüm und einen zwielichtigen Nachtclub namens Wolfclub, der natürlich geschlossen hat (und sicher die Werwolfvariante von Fangtasia ist).

In Hausach stoßen wir auf den Jakobsweg (oder einen der Wege, ich blick da nicht mehr durch) und lassen uns von ihm in der prallen Sonne auf einem sehr steilen Pfad wieder in die Berge führen. Wir schwitzen wie wir trinken: ununterbrochen. Schon seit Beginn der Reise stürzen wir uns auf jeden Brunnen und jede Zapfstelle am Wegesrand. Wasserbehälter auffüllen, Körper vom Schweiß befreien, Klamotten waschen – wir brauchen ständig Wasser, erst recht bei diesen Temperaturen. Als wir die Steigung hinter uns gebracht haben, taucht strategisch geschickt platziert wieder ein Brunnen auf. Die meisten Brunnen mitten im Schwarzwald sind allerdings keine geysirartigen Fontänen, sondern tröpfeln so vor sich hin. Also müssen wir Tropfen für Tropfen unsere zwei bis drei Liter auffüllen. Und uns waschen und unsere Klamotten waschen. Alles dauert.

Als wir mit alle dem durch sind, verzieht sich langsam der Himmel. Wir haben in Wolfach unsere Handys angemacht und alles Mögliche erledigt, außer einen Blick auf unsere Wetterapps zu werfen. Wir haben also keine Ahnung, was heute auf uns zu kommt. Bei einem Gewitter wollen wir aber ungern im Wald sein. Immerhin erreichen wir Mühlenbach am frühen Nachtmittag rechtzeitig, bevor der Regen losgeht. Das Gasthaus am Sportplatz hat aus irgendeinem Grund geschlossen (Ruhetag?), “Der Ochse” öffnet erst ab 17 Uhr und auch sonst macht die Stadt einen relativ toten Eindruck. Beim “Biersepp” steht immerhin eine Tür auf, also klopfen wir vorsichtig an und erwischen den Hausherren beim Zeitungslesen. Für gewöhnlich sind seine Gäste Motorradfahrer und die tauchen hier erst gegen 17 Uhr auf, sonst ist um diese Uhrzeit selten was los. Für uns macht er aber den Herd an. Während es draußen grummelt und regnet, stöhne ich so ausgiebig über meine Bratkartoffeln mit Spiegelei, dass mein Gefährte mich mehrmals böse anfahren muss. Langsam gehen wir uns vielleicht auf die Nerven …

Unsere letzte Station für heute soll die Ruine Heidburg sein. Da stünde uns aber ein gehöriger Aufstieg bevor, warnt der Hausherr. Aber wir sind gestärkt und überschätzen uns, wie immer. Nach dem Regen ist es unendlich schwül und wir wissen nicht, was schlimmer ist: Der Aufstieg heute morgen in der prallen Sonne, oder der Aufstieg jetzt, heiß und schwül. Wir können nicht mehr unterscheiden, was da gerade von unseren Nasenspitzen tropft: Schweiß oder Luftfeuchtigkeit. Heute wollen wir wieder im Zelt schlafen. Wenn wir keine Wasserquelle zum Waschen finden, wird das unangenehm. Erst mal aber finden wir die Burgruine nicht. Der Schwarzwald ist hervorragend kartographiert, aber wir verstehen die Karte nicht – natürlich! Deppen! Gibt es die Ruine überhaupt? Wir suchen allerdings auch nicht richtig, da wir mal wieder vollkommen k.o. sind.

Wir nähern uns einer Lichtung – da muss sie eigentlich sein. Aber alles, was dort ist, ist eine Lichtung. Eine sehr schöne Lichtung. Hoch oben, mit Ausblick. Die Reste eines Lagerfeuers lassen uns vermuten, dass dies hier ein beliebter Wildcampingplatz ist. Grüner wird’s nicht. Wir bleiben heute Nacht hier! Einzig eine Wasserquelle fehlt. Doch kaum haben wir unser Bedauern ausgesprochen, fällt uns in der Nähe ein Konstrukt aus Ästen an einem Baum auf. Das schauen wir uns genauer an! Aus den ganzen Ästen ragt ein Wasserhahn, angeschlossen an einem Schlauch, der im Boden verschwindet und wer weiß wo angeschlossen ist. Wir drehen ihn auf und können unser Glück kaum fassen: Wasser, eiskalt und sauber. Woher? Egal! Wir waschen alles und uns. Das wird der beste Abend!

Beim Holzsammlen für das Lagerfeuer müssen wir allerdings feststellen, dass an einem beliebten Wildcampingplatz leider immer auch ein beliebter Scheißplatz angeschlossen ist. Hinter jedem halbwegs sichtgeschützen Baum sammelt sich das Klopapier. Warum gibt es für solche Fälle kein schnell vergammelndes Wildklopapier? Verdauungsetiquette im Wald wird mir sicher noch mal einen eigenen Beitrag wert sein!

Wir sammeln eine beachtliche Menge fäkalfreies Holz und sind kurz davor unser Feuer zu entzünden, als mein Gefährte ausspricht, was ich die letzte Stunde versucht habe zu verdrängen: “Es zieht sich ganz schön zu, findest du nicht?”. Nicht nur das, es grummelt auch schon wieder. Von der Lichtung aus können wir nach Süden und Osten blicken, leider scheint das Gegrummel von Westen her zu kommen und wir können es nicht einschätzen. Was, wenn es nun heute Nacht gewittert? Wir sind oben auf einer Lichtung, das höchste Ziel. Wir versuchen Wolkenformen zu deuten, Windrichtungen zu analysieren und blicken immer wieder runter ins Tal und in die Ferne. Irgendwo über Frankreich grummelt es. Die Wolken fallen ins Tal oder ist das schon der Regen? Warum sind wir so grottenschlechte Meteorologen? Wir wollen oben bleiben, aber was machen wir, wenn es blitzt und donnert?
“Auf keinen Fall in den Wald rennen und unter Bäumen Schutz suchen!”, fällt mir ein.
“Ich hab gehört, dass man sich einen Meter neben einen Baum setzen soll.”, erwidert mein Gefährte.
“Ich hab gehört, man solle sich flach auf den Boden legen, damit, falls einem der Blitz trifft, er schnell wieder aus dem Körper in den Boden abgeleitet wird.”
“Ist so ein Zelt eigentlich schon ein faradaysche Käfig?”
“Werden nicht regelmäßig bei Unwettern irgendwelche Campingplätze in Frankreich geräumt?”

Unser Halbwissen ist unerträglich. Da es nun anfängt zu regnen, können wir unser Lagerfeuer eh vergessen. Unsere Zelte stehen allerdings schon. Eine quälend lange Zeit diskutieren wir um das Unvermeidliche herum: wir müssen wieder einpacken und uns möglichst schnell ein Gasthaus suchen. Bis runter ins Tal sind es rund 7 Kilometer, das schaffen wir zeitlich und körperlich nicht mehr. Aber in 1 bis 2 km ist auf der Karte ein Gasthaus eingezeichnet. Wir brechen wieder auf. Der Regen wird nie besonders stark und als wir tatsächlich an einem Gasthaus ankommen, ist es sogar schon wieder still über Frankreich. Aber da stehen wir schon vor der Tür. Innen brennt kein Licht. Nichts bewegt sich. Es ist 21:30 Uhr. Wir müssen die Hausherren aus dem Feierabend klingeln. Nach einigem hin und her bietet man uns günstig ein Zimmer an. Wir werden wahnsinnig freundlich aufgenommen, selbst etwas zu Essen würde man uns noch machen. Wir belassen es bei einem Glas Hauswein und verkriechen uns ins Zimmer. Wir wollten über dem Lagerfeuer auf dem Markt in Wolfach gekaufte Pilze und Kartoffeln braten. Stattdessen sitze ich nun am offenen Fenster und koche eine fade Bulgurpfanne auf dem Gaskocher. Immerhin hab ich den Kocher so nicht umsonst eingepackt. Es gewittert nicht mehr, aber in der Nacht werde ich von unglaublich lautem Regenprasseln geweckt und muss das Fenster schließen. Ich bin enttäuscht, dass wir nicht campen konnten, mittlerweile wird es mir aber auch etwas egal.

Tag 6 Biereck – Waldkirch: Das perfekte Dinner

2 thoughts on “Schwarzwald: Von Baden-Baden nach Freiburg – 130 km

  1. […] das Buch nicht gelesen hat, der versteht nur die Hälfte. Ich habe all meine Energien schon in den ausführlichen Blogbeitrag gesteckt, weswegen hier nun keine Höhenflüge zu erwarten sind. Zudem bin ich mit dem Layout der […]

  2. […] Abend am Glaswaldsee. Über den beeindruckenden Anblick des komplett seelenlosen Sees habe ich ja bereits geschrieben. Mindestens ein Foto gab es auch schon, aber das schönste habe ich bisher für mich behalten: Das […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>