Schwarzwald: Von Baden-Baden nach Freiburg – 130 km

Tag 6 Biereck – Waldkirch: Das perfekte Dinner

Wir kommen langsam dem Ziel nahe! Sobald wir unten in Elzach sind, laufen wir auf dem Jakobsweg nahe der Schwarzwaldstraße geradewegs Richtung Freiburg. Der Weg nach Elzach ist das letzte Stück wirklicher Wald und Abgeschiedenheit. Erstaunlicherweise unterhalten wir uns auf diesem Weg verhältnismäßig viel. Mein Gefährte fragt ernsthaft, ob es möglich ist, unter freiem Himmel einfach so auf einer Wiese zu schlafen. Ich verstehe anfangs noch nicht mal die Frage. Nach mehrmaligem Nachfragen schließe ich, dass es ihm um eine Einschätzung der Gefahr geht, die von Waldameisen und sonstigem Getier ausgeht. “Dann hast du zufällig mitten auf einer Ameisenstraße gepennt, wachst auf und du bist übersäht von den Viechern!”. Nach einiger Zeit kann ich seine Sorge nachvollziehen. Rückzug ist doch ein Grundbedürfnis. Wir sind uns daher sicher, dass noch vor Rad oder Speerspitze, die Tür die erste Erfindung der Menschheit gewesen sein muss. Wir sind halt beide auch geistig durch.

Als wir in Elzach ankommen, gehen wir wieder unserem zweiten Grundbedürfnis nach und holen uns im erstbesten Gasthaus eine Pommes. Es ist freundlich heute, das Wetter ist erträglich, wir haben die Berge fast schon hinter uns gelassen. Nächstes Ziel: Waldkirch, kurz vor Freiburg. Wir wandern wieder auf dem Jakobsweg, auf Straßen und an Häusern vorbei. Wir treffen ununterbrochen auf Zivilisation. “Buen Camino!” – ständig hält man uns für Pilger. Ich würde gerne die Farce aufrecht erhalten, weiß dafür aber zu wenig über den Jakobsweg, um auf diesen Gruß und anschließende Gespräche überzeugend zu reagieren. “Ich bin dann mal weg” gelesen zu haben, reicht einfach nicht. Außerdem frage ich mich eh, was der Jakobsweg, der doch eigentlich durch Spanien führt, hier im Schwarzwald verloren hat. In Bochum habe ich die Muschel, die den Weg kennzeichnet, auch schon gesehen. Ist das der selbe Weg? Sind das viele einzelne, die einzig die Bezeichnung eint? Und von wo bis wo führt unser Jakob hier eigentlich? Wir klären also lieber auf, dass wir ohne spirituelle Motivation von Baden-Baden nach Freiburg wandern und fallen daraufhin bei den meisten Leuten im Ansehen auf das Level von Spaziergängern. Das ärgert mich ein bisschen.

Vielleicht ärgere ich mich auch nur über mich selbst. Ich wäre gerne Abenteurer und doch zeichnet sich ab, dass wir auch diese Nacht wieder in einer Herberge verbringen werden. Nicht draußen im Zelt. Wie richtige Abenteurer. Ich protestiere nicht, als die Herberge zur Sprache kommt, ich schweige noch nicht mal in stiller Zustimmung, ich bin vorne mit dabei: “Ja klar, kein Problem! Gasthaus machen wir heute!”. Einkehren und Essen machen einfach Spaß und ein bisschen Urlaub soll das trotz all der Qualen ja schon sein. Schlafen im Gasthaus, wandern in der Stadt – das war es offenbar mit der Wildnis. Dabei schleppen wir immer noch die Kartoffeln und Pilze vom Markt in Wolfach mit uns. Und die Pfanne. Seit Tagen dängelt die Pfanne am Rucksack meines Gefährten. Immer wenn ich stillschweigend hinter ihm herlaufe, erinnert mich ihr Geklapper an die romantische Idylle, die wir uns vor einigen Tageswanderungen ausgemalt hatten:
“Wir müssen mal wieder wandern gehen, so richtig. Tagelang!”
“Bin dabei! Wohin?”
“Schwarzwald! Wir schlafen in der Natur und kochen uns Abends so eine Gemüsepfanne. Da hauen wir alles rein! Kartoffeln und Pilze und Zwiebeln …”
“Oh, und gewürzt wird mit Kräutern, die wir uns in der Natur zusammen suchen! Ich kauf mir so ein Buch!”
“Jaaa! Und das Ganze über einem Lagerfeuer in so einer Pfanne, die den ganzen Tag an meinem Rucksack hin- und herbaumelt.”
Wie sehr ich diese Pfanne hasse! Mein Wildkräuterbuch hält wenigstens im Rucksack die Klappe, aber diese Pfanne baumelt nicht nur hin- und her, sie kling- und klongelt dazu auch noch. Nicht EINMAL haben wir sie benutzt! Und mit Lagerfeuer war es das nun auch. Es nützt alles nichts, wir müssen unsere Kartoffelpfanne unten im Tal machen. Dann eben hier, auf dieser Wiese, keine 50 Meter von einer Straße und einer Tankstelle entfernt. Wenn man mit dem Rücken zu all dem sitzt, sieht es sogar ganz beschaulich aus und, hey!, die Wiese scheint auch nicht konstant als Hundetoilette genutzt zu werden. Lagerfeuer geht natürlich nicht, aber darüber wäre die olle Plastikpfanne wahrscheinlich eh direkt geschmolzen. Die Zubereitung dauert ewig, Geschmack ist kaum vorhanden, aber wir haben diese Pfannengeschichte nun hinter uns gebracht.

Bis nach Waldkirch ist es nicht mehr weit und wir kommen wieder in unseren bekannten Rhythmus aus Schweigen und Laufen. Waldkirch erreichen wir gegen 19 Uhr und kehren auf Empfehlung ins Hotel Felsenkeller ein. Das Gasthaus ist verhältnismäßig groß und verwinkelt, rustikal in der Ausstattung und billig im Preis. Am besten aber gefällt uns der vom Hausherren empfohlene Biergarten, der ein paar Meter weiter die Straße runter liegt und irgendwie zum Hotel gehört. “Kein Ruhetag / täglich ab 11 Uhr geöffnet / durchgehend warme Küche” steht auf der Karte. Das ist nach all den “Heute ist Montag/Dienstag/Mittwoch und daher Ruhetag/erst ab 17 Uhr/nur von 12 bis Mittag geöffnet”-Geschichten der Biergarten unserer Träume.

Ich behaupte keinen Hunger zu haben, bestelle mir aber trotzdem einen Flammkuchen und bereue keine Sekunde. Meine dritte warme Mahlzeit des Tages schmeckt hervorragend. Die Kellnerinnen wirken zudem ehrlich freundlich. Da bestell ich mir doch gleich noch einen zweiten Wein. Meinem Gefährten ergeht es auch diesmal nicht anders: Seine Käsespätzle “put my previous Käsespätzle to shame” und schmecken vorzüglich. Wir sind am Ende so gut drauf und durchaus betrunken, dass wir uns gegenseitig versichern, den anderen doch nicht so zu hassen, wie es während der Reise vielleicht manchmal den Anschein hatte. Wir sind uns eigentlich ganz sympathisch. Vielleicht sollten wir mal gemeinsam Urlaub machen.

Tag 7 Waldkirch – Freiburg: Der Weg war das Ziel

2 thoughts on “Schwarzwald: Von Baden-Baden nach Freiburg – 130 km

  1. […] das Buch nicht gelesen hat, der versteht nur die Hälfte. Ich habe all meine Energien schon in den ausführlichen Blogbeitrag gesteckt, weswegen hier nun keine Höhenflüge zu erwarten sind. Zudem bin ich mit dem Layout der […]

  2. […] Abend am Glaswaldsee. Über den beeindruckenden Anblick des komplett seelenlosen Sees habe ich ja bereits geschrieben. Mindestens ein Foto gab es auch schon, aber das schönste habe ich bisher für mich behalten: Das […]

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