Schwarzwald: Von Baden-Baden nach Freiburg – 130 km

Tag 7 Waldkirch – Freiburg: Der Weg war das Ziel

Ich hätte so gerne meine Frisur zurück! Ohne massiv viel Haarspray und toupiertes Volumen, fühle ich mich wie “Dennis – The Menace”. Leider habe ich an Haarzeug lediglich einen Kamm dabei. Das bisschen toupierte Haar fällt schnell wieder in den verhassten “kleiner Bub”-Zustand zurück. Natürlich ist man als Abenteurer nicht eitel, aber da ich ja offenbar kein Abenteurer bin, darf ich das! Fast so schlimm ist das juckend und sichtbar wiederkehrende Borstenhaar an den Beinen. Im Wald ist das egal, aber hier, unter all diesen Menschen, spüre ich den unausgesprochenen Druck der Gesellschaft. Haare an den Beinen – also, da muss sich frau doch drüm kümmern, hätte frau ja epilieren/wachsen/lasern/einen Rasierer mitnehmen können! Ich trage meine Hose also seit Tagen lang und begründe das mit einer Angst vor Zecken. Ich bin also kein Abenteurer und ich bin auch kein cooles Riot-Grrrl-Vorbild für junge Wanderfrauen, die auf Society einen Fick geben! Allerdings ist diese Angst-vor-Zecken-Sache angesichts so mancher Gräserpfade auch ein gutes Argument. Also, mache ich es vielleicht doch deswegen …

Den Wunsch nach ein bisschen Schönheit spüre ich aber deutlich. Wie gerne würde ich irgendein anderes Shirt tragen, etwas anderes im Gesicht als massig Sonnencreme, und – ach herrje! – saubere Fingernägel! Seit dem ersten Tag hat sich dort eine schwarze Schicht abgesetzt, die vom Nagel schwerer zu trennen ist, als Romeo von Julia. Wir duschen doch jeden Tag, wo kommt all der Dreck her? Ich schwöre mir, sobald ich zu Hause bin, nur noch nuttige Hotpants und Abendkleider zu tragen! An diesem Tag muss es jedoch wieder das bekannte Ensemble sein: Verkrustete Hose und eines der beiden Funktionsshirts, die keine zwei Minuten nach dem Anziehen durchgeschwitzt sein werden. Es ist nämlich mal wieder erbarmungslos heiß heute.

Hinter jeder Biegung vermuten wir Freiburg, aber natürlich ist Freiburg noch rund sechs Gehstunden entfernt. Ich weiß ja nicht, welcher Usain-Bolt-Algorithmus für den Google Routenplaner die Distanzen und Gehminuten ausrechnet, aber mit einer Zeitangabe von knapp 3 Stunden von Waldkirch bis Freiburg Hbf outet sich Google mal wieder als verdammter Lügner!
Immerhin ist die Gegend schön – geradezu toskanisch. Wir laufen an Himbeerfeldern, Obstbäumen und Weinbergen vorbei, in der Nähe plätschert ein kleiner Fluss, auf einigen Feldern schuften braungebrannte Saisonarbeiter in der Mittagssonne. Unser Wasser geht schnell aus. Das ist nicht gut, aber dort hinter der Biegung müsste eigentlich Freiburg liegen. Ist natürlich nicht Freiburg, sondern Gundelfingen. Die haben immerhin einen Supermarkt, also holen wir uns eine Cola und verzichten auf eine Fresspause. Die Cola tut ihren Dienst und pusht uns hoch, wir fangen an zu spaßen und freuen uns übertrieben über einen Schwarm Storche, der auf einem Feld hockt. Wir haben auf unserer Wanderung zwar weder Fuchs, noch Reh, geschweige denn einen Hirsch gesehen, aber immerhin ein paar Storche! Neben uns rauscht plötzlich ein ICE vorbei. Das ist der erste Hauch von Freiburg. Wo dieser ICE als nächstes Halt machen wird, wird unser Ziel sein! Das quält uns noch über einige Kilometer.

Am Ortseingangsschild von Freiburg überlegen wir sehr kurz, ob wir ein Foto machen sollen, aber das ist nicht das richtige Ziel und außerdem laufen, laufen, laufen, gleich ist alles vorbei! Aus einem ländlichen Vorort, wird ein urbaner Vorort, wird ein schäbiger Randbezirk hinterm Bahnhof, wird ein Parkleitsystem Innenstadt. Auf den letzten Metern holt der Körper, holen die Füße noch mal alle Beschwerden auf einmal raus, als wäre der letzte Kilometer der einzige, der ihnen zuhört.

Niemand klatscht, als wir ankommen.

Der Bahnhof von Freiburg ist so unscheinbar, dass wir uns kurz fragen, ob wir am gemeinhin weniger repräsentativen Hinterausgang gelandet sind. Wir fühlen uns verpflichtet, ein Foto zu machen. Das Lachen ist eine Farce. Unser AirBnB-Zimmer ist noch mal 20 Gehminuten entfernt. Jetzt ist eh alles egal. Am Abend laufen wir in die Stadt zum Abendessen, holen uns auf dem Rückweg ein paar Süßigkeiten, dann verschwinde ich lange in einer Hängematte auf dem Balkon und beobachte das Gewitter über den Vogesen, drüben in Frankreich. Harhar, da haben wir doch tatsächlich den Schwarzwald bezwungen.

2 thoughts on “Schwarzwald: Von Baden-Baden nach Freiburg – 130 km

  1. […] das Buch nicht gelesen hat, der versteht nur die Hälfte. Ich habe all meine Energien schon in den ausführlichen Blogbeitrag gesteckt, weswegen hier nun keine Höhenflüge zu erwarten sind. Zudem bin ich mit dem Layout der […]

  2. […] Abend am Glaswaldsee. Über den beeindruckenden Anblick des komplett seelenlosen Sees habe ich ja bereits geschrieben. Mindestens ein Foto gab es auch schon, aber das schönste habe ich bisher für mich behalten: Das […]

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