Österreich: Ramsau – Guttenberghaus – Ramsau (3/3)

  1. The Void: Wir haben die Welt des Irdischen verlassen. Hier gibt es nichts mehr. Keine Pflanzen, keine Tiere, keine Farben, kein Wind, kein Wetter. Noch nicht einmal Fotos habe ich von diesem Ort gemacht – es gab ja nichts zu sehen. Um uns herum ist alles weiß. Der Schnee verschluckt das Geröll, der Nebel verschluckt den Rest. Hier verlierst du auf Dauer entweder den Verstand, oder du findest in irgendeinem Anflug von Spiritualität zu dir selbst oder zu Gott oder sowas. Wir sind für derlei Reisen in unser Innerstes aber zu hungrig. Irgendwo hier soll die Guttenberghütte sein, und sie könnte jeden Augenblick auftauchen. Da wage ich es nicht, an meine letzten Vorräte zu gehen. Jeder größere Fels, dessen Konturen ich durch den Nebel über mir ausmachen kann, ist für mich die Hütte. Aber ich liege immer daneben – wir sind im Nicht und aus dem Nichts kommt Nichts. Kurz bevor dort oben Jesus zu mir kommt, um sein Brot mit mir zu teilen, verwandelt sich der nächste große Fels tatsächlich in die Guttenberghütte. Sie liegt im tiefen Nebel. Hinter ihr können wir einen Gipfel erahnen.
  2. Die Guttenberghütte: Die Hütte ist gut ausgestattet, der Ofen knistert auch schon. In der Stube hocken bereits einige andere Wanderer an den Tischen und besprechen die Lage. Hier unter all diesen Nordgesichtern schäme ich mich ganz besonders für mein Carrie-Bradshaw-Outfit. Ich habe immer noch keine Handschuhe, sondern nur ein paar geliehene Stulpen.
    Tatsächlich ist mir elendig kalt, denn die Jacke hat ungefähr nichts gebracht. Man kann diese Uniformierung von Wanderern in ihren überteuerten Klamotten natürlich belächeln, aber ganz davon ab, ist man am verschneiten Berg eben auch mit der billigsten Outdoor-Jacke besser aufgehoben, als mit dem Fashion-Kram, den ich heute trage.
    Gerne würde ich zu den Leuten rüber gehen und ihnen versichern: „Ich weiß, ich sehe aus, wie ein verdammter Stadttourist, der nur hier hochgekommen ist, um geile Selfies für Instagram zu machen und sich über den fehlenden Handyempfang aufzuregen, aber das stimmt nicht! Ich bin einer von euch! Ein Abenteurer! Ein Wanderer! Jemand, der die Natur und ihre Gefahren respektiert! Ich habe einen faltbaren Becher und ein Titanium-Glöffel! So glaubt mir doch!“ Glücklicherweise habe ich crippling anxiety, so dass ich still auf meinem Platz sitzen bleibe und nur verschämt meine Jacke hinter mir verstecke.
    Die coolen Leute reden über den weiteren Weg. Es gibt einen Weg über einen Gletscher runter ins Tal. Über den Gletscher ist aber seit Tagen niemand mehr gegangen, es hat geschneit, es ist nebelig. Selbst die coolen Leute winken da ab, ein Paar will es versuchen. Ich würde es auch gern versuchen, meine beiden Gefährten vermutlich auch. Aber, als wir aus dem Haus gehen und im Nebel zwei Schritte Richtung Gletscher wagen, kommen wir schnell ab von der Idee. Ich bin zwar Abenteurer, aber möchte nicht als Kreuz am Berg enden. Der Weg führt an einer Felswand entlang, ein schmaler Weg, im Nebel, verschneit, vereist. Wir gehen stattdessen den selben Weg wieder zurück runter.
  3. Alles rückwärts: Den Weg kenn ich ja schon, daher ist das alles wenig ereignisreich. Allerdings merke ich, mit wie wenig Motivation ich den selben Weg nun wieder zurück laufe. Meine Schritte schludern und ich rolle über weite Strecken unkonzentriert auf ein paar Steinen den Berg hinunter. Descent will be my death! Heute schaffe ich es unbeschadet.

Das war die letzte Wanderung des Urlaubs. Ich bin ein wenig traurig, auch wenn der massiv schokoladige Kuchen, den es später Hotel gibt, mich gut tröstet.


Und hier der Rest des Urlaubs:

  1. Gletscherbahn – Südwandhütte – Ramsau (rot)
  2. Gletscherbahn – Ramsau (grün)
  3. Ramsau – Guttenberghaus – Ramsau (lila)

2 thoughts on “Österreich: Ramsau – Guttenberghaus – Ramsau (3/3)

  1. Jooo

    Schnieke Bilder und auch noch ein toller Erfahrungsbericht von dieser Grenzerfahrung 🙂 An die Nebel des Grauens erinnere ich mich auch noch sehr gut. Macht auf jeden Fall Bock, sich mal wieder in die Berge zu begeben!

    • Shari Littmann

      Yeah! Mach das. Ich kann allerdings nur empfehlen, sich ein bisschen besser auszurüsten 😉

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