Bernkastel-Kues: Burg-Olymp-Tour zur Burgruine Landshut, 7,5 km (Rundtour)

Das hier ist eher ein kleines Zwischenspiel, als eine richtige Wanderung, da sie

  1. wirklich nur etwa zwei, drei Stunden gedauert hat und
  2. ich laut meinen Notizen offenbar alles vor und nach der Wanderung notizswürdiger fand. Also fehlt mir schlicht die Erinnerung an die vielen kleinen Geschichten, die einem unterwegs passieren.

Daher fülle ich das Ganze mit Randgeschichten auf. Wie dieser hier:

Nach Burg Eltz haben wir in einem grauen Ort ohne Eigenschaften an der Mosel übernachtet. Am Morgen darauf fliehen wir weiter in die bunte 4K-Welt schöner Moselstädte. Bevor wir in Bernkastel-Kues landen, landen wir in Cochem auf der Reichsburg. Die Burg ist zumindest im Inneren noch schöner als Burg Eltz. Außerdem ist unser Führer (der andere) ein wirklich drolliger Junge mit roten Hitzebäckchen, der im Vergleich zur Geschichtsstudentin von Burg Eltz die cooleren Storys auf Lager hat.

Wir lernen unnützes Partywissen zum Thema Alkohol und geistlicher Adel: Früher standen jedem Mönch 5 Liter Wein pro Tag zu. Damit die alten Schnapsnasen danach noch halbwegs den Raum verlassen konnten, gab es an der Tür aus dem Saufraum raus diese Vorrichtung, die den Schlüssel, selbst wenn man mal nicht genau traf, sanft ins Schloss führte.

Sauftür

Haha – die Truppe um uns herum lacht amüsiert. Ich muss aus irgendeinem Grund an William von Baskerville und die gruseligen Mönche denken. Mein Gefährte hingegen hat seine eigenen Bilder im Kopf und wiederholt in jedem Raum mehrfach und eindringlich, wie gut man hier “Dark Souls” zocken könnte.

Spielraum

Die eigentliche Wanderung beginnt nach einem Flammkuchen-Mittagessen in Bernkastel-Kues, das so egal war, dass ich noch nicht mal das übliche Fressfoto gemacht habe. Unser Weg: die Burg-Olymp-Tour, ein Spaziergang von 7,5 Kilometern.  Da wir unseren halben Tag schon in Cochem  verbracht haben, darf es heute auch was geradezu peinlich Kurzes sein. Die im Namen erwähnte Burg ist die Burgruine Landshut, die wenige Meter über der Stadt thront und auf direktem Wege wahrscheinlich schnell erreichbar ist – aber wir wollen ja noch an diesem Olymp vorbei, was immer das nun wieder ist.

Der erste Kilometer, die erste Enttäuschung: Es geht zwar direkt in die Weinberge, aber auf einer zubetonierten Straße, wo wir sogleich von einem Karren überholt werden, der die faulen Touristen den Berg hochschleppt. Kurz verschwinden Weinberg, Mosel und Bäume hinter einer dicken, fetten Abgas-Wolke, wie wir sie sonst nur aus der Heimat kennen. A handshake of carbon monoxide.

Ich versteh die (körperlich gesunden) Menschen nicht, die sich auf dem Karren durch den Wald schleppen lassen. Die verpassen doch alles. In mir braut sich eine Brandrede zusammen, die ich hinunterschlucke und in ein paar Tagen hier auf dem Blog wieder hochwürgen werde.

Burg-Olymp-Tour

Schnell zweigt unser Weg von der bösen Straße auf einen halbwegs kernigen Wanderweg ab. Aber da beginnt auch schon das Leiden. Das Leiden Christi. Wie so oft in christlich geprägten Gegenden muss irgendwo der Jesus stehen. So auch hier. Der Weg führt in Serpentinen zu einer Kapelle. Alle paar Meter können wir uns die üblichen Szenen aus Jesus’ letzten Tagen auf kleinen Steindenkmälern angucken: Jesus trägt das Kreuz, Jesus fällt hin, Jesus steht wieder auf, fällt wieder hin, Jesus wird drangenagelt, Jesus hängt da, Jesus tot, Jesus doch nicht tot? usw.

Jesus, JesusDas mag für gläubige Christen etwas sehr Spirituelles haben, aber nach 30 Jahren Atheismus hängen mir diese ewig gleichen Motive langsam zum Hals raus. Variationen des immer Gleichen. Man stelle sich vor, es gäbe nur einen Ur-Song und alle anderen Lieder wären Coverversionen, oder es würde nur noch Superheldenfilme mit irrelevanten Abweichungen geben (*hust*). Irgendwann dreht durch, egal wie heilig das alles ist oder wie tief verankert in der eigenen Kultur. Stillstand ist der tot, sagt Herbert.

Als wir alle Stationen mitgelitten haben, belohnt uns die Sankt Annakapelle mit ihrer Anwesenheit und einem großen Mosaik an ihrer Front. Ich habe mich auf dem Weg aber so dermaßen über all das aufgeregt, dass ich extra kein Foto von ihr mache.

Wut und Anstrengung schnaubend ziehen wir weiter. Eigentlich gibt es auch im Wald immer nur dasselbe zu sehen, denke ich mir, als es in den Wald geht. Bäume und Natur in verschiedenen Variationen. Warum also bin ich so sauer auf Jesus? Der Durchbruch ist nah…

Wald, Symbolbild
Bevor ich allzu tiefe Gedanken fassen kann, rennt vor mir ein Reh über den Weg. REH! EIN REH! Jesus ist vergessen. „Hast du das gesehen?“ Mein Gefährte hat nichts gesehen, aber die nächsten Kilometer halten wir angestrengt die Augen auf. Wir wollen Rehe sehen! Und Füchse! Wenigstens ein Eichhörnchen! Aber, wie immer auf diesen Reisen stampfen wir einfach zu elefantenhaft den Weg entlang. Ich wäre bereit, mich mal eine Nacht in eines dieser albernen Camouflage-Zelte auf Tierschau in den Wald zu setzen. Sitzen, Fresse halten, warten. Würde ich machen.

Unser nächstes Ziel dieser Tour soll der namensgebene Olymp sein. Wir wissen beide nicht, wie das aussehen soll, selbst nicht, als wir den Olymp erreicht haben. Wir überqueren eine Lichtung, die uns durch einen Spalt in den Bäumen aufs Tal niederblicken lässt. Auf der Lichtung steht irgendein Telefonmast oder ein Strommast, ich hab es nicht notiert und daher vergessen. Es war so normal und egal. Als wir schon wieder in den Wald verschwinden wollen, erblicken wir ein Schild unter vielen mit der Aufschrift „Olymp 450m“. Kurz sind wir irritiert, da solche Meterangaben für gewöhnlich die Distanz zwischen Schild und Ausgeschildertem anzeigt. Wir müssten aber so gut wie auf dem Olymp stehen und nicht 450 Meter von ihm entfernt. Irgendeiner von uns begreift, dass 450m die Höhenmeter sind und wir offenbar diesen 450 Meter hohen Gipfel erreicht haben. Aso, das ist also der Olymp, aha. Machen wir lieber ein Foto auf dem wir beeindruckt aussehen.

Olymp

Ab jetzt geht’s bergab, an vielen Ameisenhügeln vorbei, die uns wieder zu Gretchenfrage führen, ob man einfach so auf dem Waldboden schlafen kann, ohne direkt von Ameisen, Spinnen und Käfern gefressen zu werden, wie mein Gefährte behauptet. Bis heute konnten wir uns da noch nicht einigen. Ein Felsvorsprung lenkt uns ab, weil man darauf super Fotos machen kann. Kurz bevor meine Pose am Abgrund die richtige Portion Weltherrschaft erreicht, merke ich, dass ich doch Höhenangst habe und sacke zusammen. Als Häufchen Elend krabbel ich über die Steine in Sicherheit. Was für ein klägliches Bild.

Felsfall

Nachdem ich immerhin ein paar geile Profilbild-Möglichkeiten von meinem Gefährten geschossen habe, geht’s auf die letzten Meter zur Burgruine. Da wir, wie schon oft erwähnt, sehr sehr schlecht in allem sind, was Wandern ausmacht (außer Laufen), verirren wir uns wenige Meter vor dem Parkplatz zur Ruine in dem Wirrwarr der BMX-Wege, die unseren Weg kreuzen. „Müssen wir nun wirklich erst diese steile Kuhle runter und dann wieder diesen sandigen Hügel hinauf? Das ist doch kein Wanderweg!“, „Wo ist denn das letzte Schild, an dem wir vorbeigekommen sind?“, „Wir müssten doch längst da sein!“ Zwischen den Bäumen blitzt Asphalt auf. Geliebter Aspahlt! Wo Asphalt ist, ist eine Straße, wo eine Straße ist, da ist ein Ziel für lauffaule Touristen.

Zielgerade Burgruine

Wir kommen am Parkplatz raus, laufen an einer unheimlichen Jugendherberge vorbei, in der entweder Kinder mit leuchtenden Augen leben, oder unmenschliche Experimente an Waisen durchgeführt werden. Vor uns liegt die Burgruine. Leider gleicht sie dieser Tage eher einer Baustelle, als einer Ruine. Ein hässlicher Kran zerstört alle Illusionen von Vergangenheitsromantik, selbst gruselige Mönche kann ich mir hier nicht mehr vorstellen. Lustig eigentlich: Während Reparaturen den einzigen Weg darstellen die Romantik zu bewahren, zerstören sie sie.

Es ist furchtbar windig auf dem besuchbaren Teil der Ruine. Meine Augen tränen, dass ich sie kaum öffnen kann. Vielleicht bin ich auch nur gegen irgendetwas allergisch, oder als Computerkind so viel geballte Sonne nicht gewöhnt. Der Körper kämpft, wie frisch aus Platos Höhle.

Ich hab genug Erkenntnis und dränge darauf, wieder abzusteigen in die engen, dunklen Gassen der Stadt. Der Weg zurück, vorbei an den vertrauten Weinbergen, ist schnell erledigt und schnell sind wir wieder in der Stadt. Trotzdem haben wir heute noch einen weiten Weg vor uns, denn morgen wollen wir in Frankreich sein. Wir reisen direkt weiter nach Saarbrücken, wo wir nie hin wollten. Mein Gefährte leistet sich dort seine siebte Kugel Eis des Tages, dann gönnen wir uns ein Glas Weißwein in der spelunkigsten Spelunke der Stadt mit dem schönen Namen „Zum Elefanten“. An der Wand blinken und piepen Spielautomaten, Schildkröte sitzt schweigend in der Ecke. Wir haben Feierabend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>