Frankreich, Kaysersberg : Tour d’arbres – Rundtour, etwa 10 km

Ach, Frankreich.

Bevor wir die Grenze zu Frankreich bei Saarbrücken überqueren, sauge ich schnell alles auf, was mir Wikipedia über Elsass-Lothringen beibringen kann. Ich möchte nicht mehr wie ein ahnungsloser Depp durch die Gegend taumeln und alles verpassen. Wer wandert, der läuft oberflächlich gesehen nur durch eine leere Gegend, aber in 4,55 Milliarden Jahren Erde ist viel passiert, da müsste an jedem Ort mindestens eine geile Geschichte drin sein! Im Elsass, wo unsere Fahrt nun über Maut-freie Straßen hinführt, ist eine ganze Menge passiert.

Während ich mich durch den zweiten Weltkrieg klicke, springt mein Handy in die Roaming-Hölle und das war’s. In den nächsten 24 Stunden gibt’s kein Internet mehr für mich. Ich hebe den Kopf.

Rue de Hehehe

Rue de Bitche – chrrrchrrrchrr.

In Frankreich ist sofort alles anders: die Sonne strahlt, die Häuser haben allesamt Fensterläden, überall stehen Esel – Die Simpsons hatten recht.
Unser Ziel ist Kaysersberg. Das ist unser Ziel, weil ich vor Monaten bei einer Google-Bildersuche auf verdammt schöne Fotos der Stadt gestoßen bin. Das reicht uns als Begründung. Kayserberg liegt in den Vogesen, die wie ein Spiegelbild dem Schwarzwald gegenüber liegen. Auf der einen Seite Deutschland mit den schwarzen Tannen des Schwarzwaldes, dann die Rheinebene, dann die Vogesen, mit etwas grüneren, aber nicht weniger dichten Hügelwäldern. Wir befinden uns im großen Niemandslands dazwischen. Es ist wahnsinnig flach und sonnig. Die Sicht ist so gut, dass man sowohl die Waldgrenze in Deutschland, als auch die Waldgrenze in Frankreich sehen kann. Die Deutschen verstecken sich auf der einen Seite, die Franzosen auf der anderen. In der großen Mitte stoßen sie aufeinander. Ein Schlachtfeld. Keine Ahnung, ob sowas an dieser Stelle jemals passiert ist, soweit reichte meine Handyrecherche nicht.

Wir schlagen den Weg in die Vogesen ein. Kleine Dörfer neben kleinen Dörfern, Weinberge, Burgruinen. Ankunft. Kaysersberg sieht genau so aus, wie auf den Bildern. Es ist sogar genauso leer. Viele Läden haben nicht einmal geöffnet. Es ist Mai. Hier lebt niemand, hier arbeiten sie nur wenn Touristen da sind. Wie im Freizeitpark.

Kaysersberg

Wir trödeln ein wenig durch die Stadt und setzen uns in ein kleines Bistro, mit blinkender Außenwerbung und billigem Dekor (eher hässlich, wie zu Hause). In bester französischer Tradition spricht man hier weder Deutsch noch Englisch, so dass ich mit meinem Duolingo-Französisch, Stufe 4, irgendwie den Speck vom Flammkuchen abbestellen muss. Das Gespräch zwischen mir und der Kellnerin läuft dann genau so ab, wie man es sich vorstellt.

Ich: “Bonjour, et excuse-moi, ma francaise est trés mauvais.”

Kellnerin: “Longtemps, je me suis couché de bonne heure. Parfois, à peine ma bougie éteinte, mes yeux se fermaient si vite que je n’avais pas le temps de me dire : ‘Je m’endors.’ Et, une demi-heure après, la pensée qu’il était temps de chercher le sommeil m’éveillait; je voulais poser le volume que je croyais avoir dans les mains et souffler ma lumière”

Ich: “Äh, oui, nous sommes végétariens. Est-ce que vous avez quelque chose sans viande?”

Kellnerin: “Je n’avais pas cessé en dormant de faire des réflexions sur ce que je venais de lire, mais ces réflexions avaient pris un tour un peu particulier ; il me semblait que j’étais moi-même ce dont parlait l’ouvrage : une église, un quatuor, la rivalité de François Ier et de Charles-Quint.”

Ich: “Mhm, oui, nous prennons cette que vous dites.”

(usw usf)

Mein Gefährte ist von meiner Unterhaltung schwer beeindruckt. Ich bin vor allem beeindruckt, dass am Ende tatsächlich etwas zu Essen vor uns steht und wir nicht komplett übers Ohr gehauen werden.

Kaysersberg 2

Unser Hotel liegt knapp hinter dem harten Stadtkern und sieht schon etwas weniger nach der bunten Plastikschönheit aller Häuser im Ort aus. Eher hässlich – wie zu Hause. Die Dusche hat keinen Vorhang, so dass man jedes Mal das gesamte Bad unter Wasser setzt. Das WLAN ist überall äußerst wonky, eigentlich nicht zu gebrauchen.

Daher können wir keine Wanderroute raussuchen, also nehmen wir die eine, die an den öffentlichen Toiletten im Ort ausgeschildert war. Die Beschreibung zur Route ist komplett auf Französisch, da hilft auch mein Duolingo-Wissen nichts. Immerhin kann ich entziffern, dass dies eine Strecke für Familien  ist. Allzu lange halten die Blagen im Schnitt eh nicht durch, das wird also nicht allzu schwer oder lang sein. Außerdem ist das Symbol dieses Weges eine Eiche, mit Eichelhut auf dem Kopf, die mit ihren Astärmchen auf den Weg zeigt und dabei grinst wie der verdammte Kerzen-Lumière – After all, miss, this is France!

Lumière

Im Internet habe ich übrigens im Nachhinein nicht einen einzigen Hinweis auf diese Tour gefunden. Daher kann ich über Distanz usw. nichts sagen.

Wir nehmen eine kleine Abkürzung hoch zur Kaysersberg-eigenen Burgruine. Aus der Erde um uns herum quillt das Grün aus allen Poren, kleine Echsen kraxeln die Steine entlang. So wollte ich immer wandern. Alles ist ein bisschen anders, wärmer, grüner, beinahe exotischer, als in der Heimat.

An der Burgruine können wir zum ersten Mal überblicken, wo wir da überhaupt gelandet sind. Unter uns das kleine Kaysersberg, rechts die Wälder und Hügel der Vogesen, links das große Niemandsland mit dem Schwarzwald am Horizont. “Fortenuit”, grinst uns Eichel-Lumière von einer Infotafel entgegen. Urgh, jetzt lernen wir auch noch was.

Vogesen vs Schwarzwald

Wir können tatsächlich bis zum Schwarzwald sehen. Vor einem Jahr saß ich nach unserer großen Wanderung in einer AirBnB-Wohnung in Freiburg auf dem Balkon und blickt rüber auf die Vogesen. Jetzt blicke ich auf fast der gleichen Höhe zurück nach Deutschland. Poetisch. Aber auch ein guter Hinweis, dass das hier soooo exotisch auch nicht sein kann, wenn der Schwarzwald auf selber Höhe liegt.

Eichel-Lumière befiehlt uns weiter hoch in den Wald zu laufen. Jetzt geht das elendige Geschnaufe wieder los. Zwei nasse Säcke, träge und schwitzig, weit entfernt von den Bildern der Wanderzeitschriften, auf denen agile Mitzwanziger elbenartig durch die Natur schweben.

Oben werden wir nach einigen Kilometern mit einer Aussicht entlohnt, die noch schöner ist, als jeder Mitzwanziger Frankreichs. Neben der Aussicht ragt ein Felsen empor, der noch schönere Aussichten verspricht. Ich fühle, wie meine Füße und Hände schwitzig werden, wie damals, als ich dieses Kletter-Video gesehen habe. Trotzdem kraxel ich hoch und lasse mich in vielen schrecklich gestellten Sehnsuchtsposen fotografieren. Jetzt noch so’n Dreimaster! (siehe Titelbild)

Am Rande des Felsens weißt uns Lumière auf eine schöne Grusellegende hin. Da alles weiterhin auf Französisch ist, basteln wir uns aus den Bildern und Bruchstücken zusammen, dass dies offenbar der Rabenfelsen ist und hier einst gigantische Dementorinnen ungezogenen Kindern eine Heidenangst einjagten.

Auch hierzu findet sich im Internet rein gar nichts..

Gruselgeschichten

Ab jetzt wird der Weg etwas unschön. Flach und breit, so dass ein Auto bequem neben uns herfahren könnte. “Waldautobahn” fluchen die Wanderer über solche Wege. In Deutschland gibt es tatsächlich Kriterien, die ein Weg erfüllen muss, damit er das Siegel Premiumwanderweg, bzw. das etwas weniger strenge Siegel Qualitätsweg Wanderbares Deutschland, erhalten kann. Lange Abschnitte auf Waldautobahnen oder gar geteerten Straßen schmälern die Chance auf das Siegel. Der Siegelwahn nimmt teilweise absurde Ausmaße an, so dass z.B. einen Meter neben einer geteerten Straße ein Pfad ins Gebüsch geschlagen wird, damit die Wanderer bloß nicht auf Teer laufen. (Interessiert das jemanden? Soll ich das mal genauer erklären? *öffnet zweites Word-Dokument mit Fragen an Experten*)

Autobahn

Wie zur Wiedergutmachung schickt uns der Weg nun mitten durch die Bäume den Berg wieder runter. Muckelig. Wir machen Videos. Auf Video sieht das alles aber trostlos und verblasst aus (und wackelt ganz elendig). Muss man dabei gewesen sein.

Da wir nicht wissen, wie lang der Weg ist, werden wir etwas nervös. Zwar steht an jedem Hinweisschild, an dem uns Lumière vorbeischickt, eine Zeitangabe, aber, wie gesagt, nos francais est mauvais. Außerdem misst man Wanderwege nicht in irgendwelchen Zeiten, sondern in Kilometern!

Als wir aus dem Wald kommen, wissen wir nicht wo wir sind. Kaysersberg ist nirgends zu sehen. Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Bergen. Neben uns blubbert ein kleiner Fluss. Zeit für Ablenkung. Wie viele französische Flüsse abseits des Rheins kennen wir?

“La Seine!”
Schweigen.
Schweigen.
Schweigen.
“Rh… Rhône?”
Schweigen.
“Ist das nicht einfach nur Rhein auf Französisch?”
Schweigen.
“Neeein! …oder?”

La Weiss

Bevor wir uns noch mehr voreinander blamieren, schenkt uns ein Schild unseren dritten Flussnamen: La Weiss. Un petit fleuve de 24 km. La Weiss schmeißt uns an einem Weinberg raus. Häuser! Das Ende naht. Die Stadt naht! Doch schon erblicken wir unseren Wegweiserfreund, der uns in die komplett entgegengesetzte Richtung einen Berg rauf schickt. Ein weiteres Hinweisschild, wir überfliegen es und rennen weiter den Berg hoch. Wo soll der Weg jetzt noch hin führen?  Er ist steil und rau, kaum getrampelt. Das macht keinen Sinn. Wir raten einige Abbiegungen. Eine Kurve, eine gruselige Wellblechhütte und … nichts. Eine Wand aus Natur.

Lumière hat uns reingelegt. Wir hechten den furchtbar steilen Hang wieder hinunter und blicken angestrengt auf das letzte Hinweisschild. “Revenez sur vos pas et continuez en direction de Kaysersberg”. Revenez, Revenir…  zurückkehren, umdrehen? Hätte man auch mit Duolingo-Französisch drauf kommen können.  Aber warum zeigt der olle Lumière dann mit seinen Astärmchen in die falsche Richtung? Da trägt doch der Designer eine Teilschuld! Merde!

Lumière fin de partie

Wir kehren um und erblicken sofort den richtigen Weg mit den richtigen Hinweisschildern am Weinberg. Schnaubend. Vielleicht wäre es Zeit für ein GPS-Gerät.

Die letzten Meter taumeln wir La Weiss entlang. La Weiss fließt auch durch Kaysersberg, so dass sie uns sicher bis direkt vors Hotel führt. Es ist viel zu spät. Das hat alles viel zu lange gedauert. Wir spüren den berühmten Bratkartoffel-Hunger, wollen aber heute zum Futtern runter nach Colmar.

Colmar ist furchtbar. Es gibt zwei schöne Straßen, der Rest sieht aus wie bei jedem vor der Tür. Die Bilder haben alle gelogen. Zudem: Nix zu futtern! 30 Minuten rennen wir durch die Stadt auf der Suche nach einer 08/15 Pizzeria, aber wir finden genau gar nichts. Letztendlich setzen wir uns wieder ins Auto und fahren willkürlich Straßen entlang. Bei der ersten Aufschrift Pizzeria bleiben wir stehen. Rue de Dr Albert Schweizer – aber das hat er nun wirklich nicht verdient.

Ein Parkplatz, umgeben von Hochhäusern, schlimmste Banlieu-Stimmung, irgendwo in einem Keller spittet ein Straßenrapper aggressiv seine Lines in Mikro. Keine Hoffnung, nur Döner. Hier gibt’s sonst nie Touristen. Wir stolpern in den Laden, mein Französisch ist noch mal schlechter geworden. Jetzt bloß keine groben Schnitzer erlauben, sonst kommt die Gang und macht Stress. Die Jungs hinterm Tresen sind allerdings mehr als hilfreich und werkeln wie ich mit Hand und Fuß, um uns die Karte verständlich zu machen. Da hier im Block aber alle ihre Proteine wegen Massephase brauchen, gibt’s für uns auf der Karte nur Pommes. Wir essen draußen vor der Kulisse gesellschaftlichen Versagens.

Ein bisschen schäme ich mich, als ich auf dem Weg zurück zum Auto aus der Hüfte noch ein Foto mache.

Colmer

Zurück auf der Gewinnerseite der Gesellschaft bestelle ich mir in Kaysersberg noch eine Käseplatte und zwei Weine. Mais oui, Wohlstand schmeckt besser. Zurück zum Hotel. Keine Touristen, kein Licht.

Ach, Frankreich. Tu étais formidable. J’étais fort minable.

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