Hagen: Drei-Türme-Weg, 6-7 km

Verrisse machen Spaß, hier ist einer:

Höcksken, Stöcksken – nachdem ich mich neulich über Waldautobahnen und Premiumwanderwege ausgelassen hatte, schien es an der Zeit, mich mal genauer (oder in diesem Fall: sehr kurz) mit Premiumwanderwegen zu beschäftigen. Aber nein, dies ist nicht das große Interview mit dem Premiumwanderweg-Siegelverteiler. Ich bin noch in der Recherche-Phase. So kam es auch zu folgender Beobachtung:

Alle Premiumwanderwege in Deutschland sind auf dieser Seite hübsch übersichtlich nach Standort sortiert. Im Osten gibt’s ungefähr nichts, in Ba-Wü und Rhein-Pfa dafür umso mehr. Einsam und alleine liegt außerdem ein trostloser Premiumweg mitten im Ruhrgebiet. Ein einziger Premiumweg im ganzen Ruhrgebiet: Der Drei-Türme-Weg in Hagen. Ich kenne viele schöne Spazierwege im Ruhrgebiet (Halde Hoheward, Duisburger Landschaftpark, um‘ Pudding an der Emscher) und einige Premiumwanderwege in Deutschland. Da das Ruhrgebiet meine Heimat ist, ist dieser Weg also Pflichtwanderung.

Bildungsreise mit dem ebenfalls ruhrgebietsgeprägten Gefährten nach Hagen. Glück auf, Leder vorm Arsch und los.

Du bist keine Schönheit und strengst dich nicht mal an. Es regnet in Strömen, aus Kübeln, in einer Tour. Noch sitzen wir im Auto und fahren rechts und links die Straßen von Hagen hoch und runter.  Grob dahergegoogelte Anfahrtsbeschreibungen führen uns überall hin, aber nicht zum Startpunkt. Meinem Gefährten reicht irgendwann meine schusselige Anfahrtsbeschreibung.”Äh, Bahnhaltepunkt Hagen-Oberhagen, oder Jägerstraße, oder Böhmerstraße! Hausnummern hab ich jeweils nicht”. Wir fahren zum Parkplatz des Restaurants Kota Radja. Und machen Pause. Raus gehen lohnt eh nicht, denn es strömt und kübelt weiterhin.

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In einem kurzen Moment muss der Himmel Luft holen und der Regen verzieht sich. Erst jetzt gesteht mein Gefährte, dass er sich nur halbgut auf die Wanderung vorbereitet hat und statt seiner Wanderschuhe leichte Sportschuhe und statt einer Regenjacke gar nix dabei hat. Wir stehen noch am Auto, da geht der Regen wieder los. In einem Akt der Verzweiflung greift mein Gefährte zum Schlafsack in seinem Kofferraum und stülpt sich dessen Hülle über den Kopf. “Besser als gar kein Regenschutz”. Der Anblick bricht mir gleichzeitig das Herz und das Zwerchfell. Erbärmlich.

Kurzes Foto aus der Hüfte.

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Es hilft alles nichts. Wir ziehen das jetzt durch. Der Weg führt direkt rauf, Richtung Kleingartenverein. Mit jedem Meter wird der Regen stärker. Die Tore sind geöffnet, die Flut kommt, es geht bergauf, aber die Wassermassen strömen uns entgegen. Zwei Minuten aus dem Auto und schon komplett unter Wasser, da hilft weder meine Regenjacke, noch eine Schlafsackhülle auf dem Kopf – wir müssen uns unterstellen und stören dabei ein paar verliebte Teenager bei ihrem romantischsten Moment bisher. “Hallo, wir stellen uns mal dazu, ne? Jajaja, der Regen”. Immerhin bin ich nicht diejenige mit dem Schlafsack auf dem Kopf.

Der liebe Herrgott kann sich das Elend wohl nicht länger ansehen, denn plötzlich verschwindet das schlimme Wetter und das Auenland tut sich vor unseren Augen auf. Grün, warm, sonnig. Jacke aus, Mütze vom Kopf, ab jetzt wird’s Premium.

Direkt folgt Premium-Unterhaltung, wie es nur das Ruhrgebiet kann: herz- und charmelose Dinge mit Augen drauf. Zunächst ist es Tim Turmi, der uns und alle Kinder auf dem Weg begrüßt. Tim Turmi folgt der Logik, mit der alle Kinder ihre Kuscheltiere benennen: Hansi Hase, Iggi Igel, Bernd Broti.

Tim Turmi Superstar

Als ich im Nachhinein mehr über Tim Turmi erfahren will, stürze ich in ein tiefes Hasenloch (Hansi Hasi!). Obacht, Kontext: Tim Turmi ist nicht nur ein dahergelaufener Turm mit Augen, sondern eine anthropomorphe Version des alten Hagener Rathausturms und  tatsächlich und ernsthaft das Maskottchen Hagens, dessen Name Ergebnis eines Wettbewerbes von 2011 ist. 120 Leute hatten sich an der Abstimmung beteiligt, was etwa 0,06% der Bevölkerung von Hagen entspricht. Angekündigt war, dass sich Tim Turmi auch auf der Homepage der Stadt breit machen sollte, allerdings folgte schon kurz nachdem die restlichen 99,94% davon Wind bekamen, Hohn und Spott. Auch in Form einer inzwischen verschwundenen Facebook-Seite, auf der der drollige Turm mit Kippe und Pulle zu sehen war. Auf der gesamten Homepage von Hagen taucht Turmi nun also nur noch ein einziges Mal auf: In der Beschreibung zum Drei-Türme-Weg.

Davon wissen wir jetzt allerdings noch nichts. Ein bisschen Hohn und Spott haben wir für ihn trotzdem übrig.
Wir laufen nun, nachdem alles zuvor eher ein Zubringerweg war, endlich auf dem Drei-Türme-Weg und erwarten jeden Augenblick, dass uns Premium um die Ohren gehauen wird. Noch ist der Weg aber breit und doof.

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Der erste Turm taucht auf: Der Bismarckturm. 1901 erbaut, über die Jahre etwas mitgenommen, dann nach einer kostspieligen Sanierung 2014  frisch und fit wiedereröffnet. Und direkt wieder geschlossen, umzäunt, abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Später erfahre ich, dass die wenigen offenen Tage auf einer Homepage stehen, die wir uns halt vorher hätten angucken müssen. (Die Homepage ist übrigens einen Blick wert – vor allem für Fans von Designleistungen wie Tim Turmi)

Stattdessen vertreiben wir uns die Zeit mit einem Kugellabyrinth auf der Wiese, das offenbar enttäuschte Wanderer als Trost für den ewig verschlossenen Rapunzelturm dienen soll. Das ist allerdings auch frustrierend.

Kugelspaß am Drei-Türme-Weg

Kugelspaß am Drei-Türme-Weg

Wir stampfen weiter in Erwartung eines Premium-Abenteuers. Erneut Regen, erneut müssen wir uns unterstellen. Diesmal sind unsere Unterstell-Kollegen eine Gruppe Hundespaziergänger, von denen es auf dem Weg erstaunlich viele gibt. Wir schäkern mit ihnen, so wenig wie man muss. Einem der Hunde-Besitzer fallen die vom vielen Wandern und Boxen straff geformten Waden meines Gefährten auf. “Ganz schön straffe Waden, der Herr”. Awkward. Schnell rennen wir den Weg weiter. Ein bisschen geschmeichelt fühlt er sich trotzdem.

Waldautobahn, Waldautobahn. Da es nichts zu sehen gibt, fangen wir an zu reden. Mehr als auf sonst einer Wanderung. “Wofür hat es sich bislang zu Leben gelohnt?”, “Was sind deine Ängste und Sorgen”, “Wohin geht die Reise der Menschheit?”. Tiefer Scheiß, der hier gar nicht hingehört, denn für gewöhnlich gibt uns die Umgebung genug Gesprächsstoff. Hier ist aber nichts. Nichts ist hier Premium! Der zweite Turm steht gegenüber einer Gaststätte – Einkehrmöglichkeit. Einkehren setzt aber voraus, dass man vorher irgendwo ausgekehrt ist. Hier auf der Waldautobahn wirkt die Gaststätte eher, als wären wir versehentlich bei Serways rausgekommen.

Der Kaiser-Friedrich-Turm ist immerhin nicht umzäunt, dafür aber abgeschlossen.

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Langsam stirbt die Hoffnung auf Premium-Unterhaltung. Wir gehen weiter. Bei Forsthaus Deeth wird es kurz schön, als die Sonne über Wiesen strahlen kann. Dann aber folgt schon der Eugen-Richter-Turm, der da rumsteht, wie vergessen. Zugewachsen und mit Funkturm oben drauf. Da steckt keine Liebe drin. Verschlossen ist er natürlich auch – dies ist der mieseste Premium- oder Sonstwieweg, den wir jemals gelaufen sind! Oh, Ruhrgebiet, was machst du bloß!?

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Um dem Weg das letzte bisschen Würde zu nehmen, hat man an einem ganz hübschen Aussichtspunkt die Infotafel mit roher Gewalt zerlegt. Sehnsucht nach Tim Turmi.

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Jetzt kann uns nichts mehr retten. Vielleicht hat die Stadt Hagen noch eine Idee. Zum Beispiel eine Art Industrie-Aufzugs-Kabine mitten im Wald, auf der zwei Plastikgehäuse in Form dieser Münzfernrohre den Anschein erwecken, hier gebe es doch noch was zu sehen. Und da ist es schon: Etwas. Etwas Rotes mit zwei Fernrohr-Gehäusen, die tatsächlich nur aus dem Gehäuse bestehen. Mein Gefährte kann kaum an sich halten.

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Viele Posen später entdecken wir es…Zelli.

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Zelli, die anthropomorphe Fahrzeugbatterie. Die Kids sind verrückt danach!

Zelli geht auf den Mist der in Hagen ansässigen Firma EnerSys Hawker, eine Firma für Autobatterien – fun stuff. Aber auch deren Homepage scheint die Existenz ihres drolligen Maskottchens zu leugnen.

Ich würde gerne die Person vom Premium-Institut sprechen, die diesen Weg mit ihrer Liste an Bedingungen entlang ging und feststellte “Jep, hier passt wirklich alles!”.

Nach diesem Highlight endet der Weg einfach. Er endet einfach so. Nicht am Ausgangspunkt, sondern mitten auf einer Straße. Die Beschilderung hat aufgegeben, die Stadt Hagen hat aufgegeben. Wir stehen mit ein paar anderen Wanderern an einer Kreuzung und blicken uns um.

Grob können wir herleiten wo wir sind, also schlagen wir den Weg querfeldein über die Straße, die Böschung runter, über einen Parkplatz, zum nächsten Wanderweg ein, der uns zum Auto bringen soll. Kurz vorher erlauben wir uns noch eine nicht auf den Karten verzeichnete Abkürzung einzuschlagen, die erst durch ein bisschen Wald und Müll und schließlich nur noch durch Gestrüpp führt. Kurz bevor mein Gefährte über einen Zaun direkt ins Gebüsch springt (“Wir kehren NICHT um”), erblicke ich einen Durchgang, der uns erst in den Vorgarten einer kleinen Villa und dann auf unseren Parkplatz führt. Immerhin war der Weg nicht allzu lang.

Nur noch gute Pommes und die Erinnerung an Zelli können diese Wanderung retten.

Ruhrgebiet, das kannst du besser!

5 thoughts on “Hagen: Drei-Türme-Weg, 6-7 km

  1. Hach, was ein herrlicher Text, danke für diesen schönen Start in den Tag. Ein Kleinod!

    • Shari Littmann

      Danke für die netten Worte!

  2. Steffi

    Hallo. Als Hagenerin schäme ich mich unheimlich für Zelli und Tim Turmi. Ich frage mich, welche hellen Köpfe dachten, dass das eine positive Verschönerung/Verbesserung für unsern Wald sei…
    Toll, dass ihr trotzdem gewandert seid. Falls ihr noch mal vorbei kommen solltet, sagt Bescheid, dann wandern wir noch mal… mit Sektchen und Schleichwegen 😉

    • Shari Littmann

      Sobald die Stadt die Türme aufschließt und den Weg noch mal schick macht, kommen wir gerne rum! Mit Sektchen!

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