Immerath (Erkelenz): Ausflug ins Geisterdorf

Dies ist keine Wanderung. Dies ist ein Geisterdorf. Ein ganz besonderes Geisterdorf, mit vielen Geschichten. Ein Dorf, in dem höchstens die Seelen der Verstorbenen umherwandern. Das reicht mir als Wanderbezug, daher findet dieser Ausflug nun auch hier im Blog statt. Außerdem hab ich ja neulich schon das passende Video dazu gepostet.

Am 16. August 2016 lebten acht Menschen in Immerath. Zehn Jahre zuvor waren es noch etwa 1500. Bald wird die Zahl null und alles andere genauso weg sein. Jede Straße, jedes Haus, jeder Baum – verschwunden. Zurück bleibt Nichts. Eine große Lücke. Das Dorf Immerath steht, wie noch ein paar andere Dörfer der Umgebung, auf Kohle.

Garzweiler

Ein paar Meter weiter gräbt sich bereits die Zukunft Meter um Meter durch die Landschaft: Garzweiler. Ein Anti-Ort, eine Gegend, die immer größer wird, je mehr man wegnimmt. Unwirklich. Beeindruckend zwar, aber schön ist anders. Immerath und ein paar weitere Dörfer stehen nun der Expansion dieses Braunkohletagewerks im Weg. RWE hat 2006 die Umsiedlung Immeraths eingeleitet. Seitdem geht es für die Bewohner ab ins rund acht Kilometer entfernte Immerath (neu). Im nächsten Jahr, 2017, ist soll ihre alte Heimat, Immerath (original) dann komplett abgerissen sein und der Abbau begonnen werden. Loch statt Heimat.

Straße in Immerath

Das geschah nicht ohne Protest und mediale Begleitung! Ich bin für den informierten NRWler sicher nicht die Erste, die auf dieses Thema gestoßen ist.

Wie jedes Dorf  und jede Stadt hat Immerath Geschichte. Die Häuser sind klein und verwinkelt, massive Holztreppen, viel zu niedrige Türrahmen, Backstein. Hier haben Eltern und Großeltern gewohnt, bevor nun die Kinder ausziehen mussten. Ein Bäcker, ein paar Bauernhöfe und die imposante Pfarrkirche St. Lambertus. Sie wirkt viel zu groß und zu imposant für das eher unscheinbare Dorf. Baujahr 1888. Neuromanisch. Denkmalschutz, wie so viele Häuser in Immerath.

Kirche in Immerath

Man mag es sich gar nicht vorstellen, wie es ist, seine Heimat zu verlieren, nur weil ein  Energieriese entschlossen hat, Dorfgeschichte gestrigen Rohstoffen zu opfern. Wir stecken doch mitten in der Energiewende. Während Kohle bereits den Hut nimmt und sich verabschiedet, reißt sie auf dem Weg durch die Tür noch ein ganzes Dorf mit. Und noch eins, und noch eins. Insgesamt zwölf Dörfer gehen für den Tagebau Garzweiler drauf. In jedem Buch, in jedem Film wäre der Energiekonzern ein herzloser Kapitalist im grauen Anzug, gegen den sich die Tiere des Waldes zusammenschließen müssen.

Zwar mögen wir bei Elfie Donnelly noch mit den Tieren mitgefiebert haben, in der richtigen Welt lassen wir uns aber lieber, bevor wir uns idealistisch an einen Baum ketten, die Kosten-Nutzen-Rechnung zeigen und uns vom grauen Anzug in ein feines Restaurant einladen. Die Welt ist halt komplizierter, als es uns die verdammten Hippies Benjamin und Bibi gesagt haben. Daher singen wir auch keine Lieder mit den Tieren des Waldes, sondern sind nun in einem Dorf, dass RWE bald platt macht.

Stoppt RWE

Vielen Ex-Bewohnern war es vielleicht auch ein Segen, dass da jemand mit einer Schubkarre voller Geld gekommen ist, um die alte Rumpelbude gegen was Modernes mit doppelt verglasten Fenstern eintauschen zu lassen. Die Menschen in Immerath wurden ja nicht einfach vor die eigene Tür gesetzt, sondern vor eine neue eigene Tür in Immerrath (neu). Trotzdem beflügelt dieser leere Ort die Phantasie.

Jedes Haus ist verlassen und – dramatisch – dem Untergang geweiht. Mittlerweile ist Immerath ein Spielplatz für Freunde verlassener Orte, Forscher und Abenteurer, manche sagen auch: Plünderer. Einst Haus, Garten, Schlafzimmer, nun klettert der Urban Explorer mit der GoPro auf dem Kopf auf die Dächer und schaut sich in fremden Wohnzimmern um. Dem Privatfernsehcomedian in mir drängt sich die Frage auf: Darf er das?

Hoch-Tief

Ist Immerath ein Friedhof oder ist es ein Spielplatz? Ist es okay, wenn Leute ihrer Neugierde nachgehen? Oder darf Abenteuer nur dort stattfinden, wo vorher der TÜV sein Siegel drauf gesetzt hat? Darf man zurückgelassene Gläser, Fliesen und Rohre mitnehmen? Oder klaut man da irgendwem irgendwas, wenn doch niemand mehr zurückkehrt? Klaut man RWE vielleicht was? Oder ist der gesichtslose Großkonzern nicht genau der Typ, dem man mal was wegnehmen sollte? Was sagt Elfie Donnelly dazu?

Wir warten auf Antworten.

Warten

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