Felsenweiher (Eifel): Felsenweg 6, 13 km

Ich habe mich heute in mein Slanket gewickelt, mir ein bisschen heißen Kakao in den Wein gekippt und die Heizung angeschmissen – der Sommer ist vorbei. Bye bye my love, mach et jot und hello darkness my old friend.  Den Herbst mag man emotional noch auf den Vitamin-D-Reserven der vergangenen Monate überleben, aber spätestens im Dezember zerfällt die wohlig warme Melancholie in ihre Einzelteile und zurück bleiben Abgrund, Höllenkreis und ewig währende Qualen (bis April).

Begünstig wird der psychische Abschiss bei mir dadurch, dass es sich in den kalten Monaten einfach nicht gut wandern lässt. Beweise? Wer nicht eh im ewigen Paradies der Alpen lebt und zu jeder Jahreszeit sexy Berge voller Blumen oder Schnee vor sich hat, der kann lange nach schönen Wandergegenden suchen, die nicht vor Grau, Nass und Tot triefen. Vor ein paar Jahren trieb es mich mal im Winter raus aus dem winterwanderfeindlichen NRW an die Nordsee. Neue Landschaft, neues Glück? Nichts da, denn auch dort: Raureif, Trübsal, Seemannsgräber. Wäre nicht durchgängig  Ebbe gewesen, ich hätte mich vor Tristesse ins Meer geworfen.

Dagebüll - Herz im Müll

Um also den Anfang vom alljährlichen Ende der guten Laune zu feiern, erinnere ich mich heute an eine “gute alte Zeit” im Sommer, als der Wald voller Farben und Eichhörnchen war. Konkret: An meine Wanderung des Felsenweg 6 in der Vulkaneifel. Eine schöne Wanderung, an deren Erinnerung ich mich die nächsten Monate festkrallen werde, wie Kate Winslet an diese hölzerne Tür bei Titanic.

Es geht los, wie jede gute Geschichte los gehen muss: DINOSAURIER!
In der Eifel, nahe der luxemburgischen Grenze, wurde vor wenigen Jahren ein Park eröffnet, der sich ganz dem Thema Dinos verschrieben hat. Der Dinosaurierpark in der Teufelsschlucht.  Ein Rundweg durch die Erdgeschichte, aber hauptsächlich: Dinos, Dinos, Dinos!

BFF

Romantisierte Tötungsmaschinen, erhabene Größe, erhabenes Alter, geile Optik. Der Plan: Dinos gucken und dann in der wunderschönen Vulkaneifel drum herum wandern.

Schnell war ein A-Team zusammengestellt, welches sich auf den Ausflug mit mir einlassen wollte. Die Crew:  Zwei wandererprobte Wanderer mit wanderiger Wandererfahrung in den wanderschönen Alpen (siehe hier) und ein  frisch gebackener Doktor, mit dem Körperbau eines agilen Freeclimbers, der in der Jugend mit ärztlichem Attest aus dem Sportunterricht vor den PC versetzt wurde (Generation WoW).

Nach dem Ausflug in den Dinosaurierpark, sollte es tags darauf auf Wanderung gehen: Der Felsenweg 6, 17,4 km Premium-Unterhaltung. Wie immer, wenn ich für die Navigation zuständig bin, finden wir in diesem Dorf, das aus zwei Straßen besteht, den Parkplatz zum Wanderweg nicht. Dabei habe ich tatsächlich mein kürzlich erworbenes GPS-Gerät dabei, an das ich mich klammere, wie Kate Winslet, Tür, Titanic usw usf.

Keinen Meter gelaufen, die Stimmung wackelt. Da ich mich immer für alles Übel auf der Welt verantwortlich fühle, versuche ich krampfhaft die kurze Irrfahrt zu sowas wie einer lustigen Anekdote zu verklären.
Wir kommen an und ich bin überdreht gut gelaunt. Wenn die Stimmung jetzt schon kippt, will der Doktor gleich sicher wieder an seinen PC und die Wanderer werden mit den Augen rollen, meinen Blog werde ich vor lauter Scham einstampfen.

Jetzt kann es nur noch der Weg richten. Schnell rein in den Wald! Und es geht gut los: steiler, schmaler Pfad, saftig grüner Wald. Die wandererprobten Wanderer sind eh routiniert bei der Sache und können sich an Stock und Stein erfreuen; der Doktor macht mir Sorgen. Zu lebhaft ist noch die Erinnerung an den ersten Wanderausflug in gleicher Konstellation auf dem Eifelsteig. Während das Wanderdoppel und ich uns in gewohnte Trance liefen, schlurfte der Doktor wie ein mürrisches Kind die Kilometer entlang und verwies immer wieder auf einen wichtigen Raid, den er um 18 Uhr noch erwischen wolle und das dauert ja schon ganz schön lange hier und so viel passiert auch wieder nicht (dabei hatten wir einen Fuchs gesehen! EINEN FUCHS!!!).

Auf unserem Weg passiert was: Felsen. Wände ragen am Wegesrand auf, seltsame Gesteinsmuster, knorrig, verzerrte Fratzen, gefangene Seelen in Stein. Nach ein paar Kilometern Fantasiefratzen in Vulkanstein, geht der Pfad in den ungeilen, weitläufigen Wald über. Reiter und andere Wanderer huschen an uns vorbei.

Soulcatcher

Dazu eine Beobachtung: Erprobte Wanderer grüßen einander. Je nach geografischer Lage geht das vom schlichten “Hallo” bis zum ollen “Grüß Gott!”. Mit dieser notwendigen Höflichkeit trainieren mein Wandergefährte und ich uns gerne unsere Sozialphobie ab. Wichtig: Man muss der Erste sein, der grüßt, das bringt den entgegenkommenden Wanderer in Zugzwang und allgemeine Verlegung. Steigerung der Unangenehmlichkeiten: Geografisch unpassende Grußformel verwenden, wie “Buen Camino!” auf dem Drei-Türme-Weg in Hagen oder “Moin, Moin” im Schwarzwald. Für heute reicht uns “Hallo”. Fühle mich ein bisschen kompetent, da ich sowas weiß. Die Stimmung steigt, niemand hasst mich, vermute ich.

Ein kleiner Wasserfall am Rande des Weges erinnert mich daran, dass 3 Kilo meines 4 Kilo Rucksacks von Technikequipment eingenommen wird, mit dem ich solche Wanderklischees für alle Social-Media-Kanäle dieser Welt festhalten wollte. Ich hasse es. Irgendein noch nicht komplett weggefaultes Karrieremodul in meinem Kopf hat mir eingeredet, dass man sich im Jahr 2016 online selbst vermarkten muss. Immer wieder taucht der Consultant in mir mit Scheiß-Ideen auf, wie  “Continuity is king – Instagram braucht mehr Flow-Erlebnisse”. Das bringt mich dazu, Wanderung wie diese ständig durch ewiges Knipsen und Filmen und Fuchteln zu unterbrechen. Im Anschluss werden die Bilder, von seelenlosen Allgemeinsprüchen begleitet, bei Instagram ausgekotzt und in einer Flut von Hashtags ertränkt. Mit der tatsächlichen, gefühlten, erlebten Wanderidylle hat das nichts zu tun.

Ich raube also diesem Wasserfall mit Actioncam, Spiegelreflexcam und Handycam alles an Seele, was er jemals besessen hat und ziehe innerlich leer weiter.

#Wasserfall

Umgefallene Bäume liegen auf dem kleinen, zugewachsenen Pfad. Chaos fürs Herz. Die Unruhe auf dem Weg beruhigt mich. Die schwüle Luft lenkt mich ab. Alle schwitzen unangenehm. Es ist kalt und gleichzeitig drückend stickig. Erste Ermüdungserscheinungen treten auf.

Mein bislang völlig nutzloses GPS meint zwar, wir wären immer noch kurz hinterm Parkplatz, aber, Schnauze!, hier wird jetzt Pause gemacht! Passend zum Pausenplan öffnet sich vor uns der Wald. Der Boden fällt hinab, Abgrund, Ausblick. An einem ungesicherten Felsvorsprung hocken wir uns auf die Steine und packen unser Futter aus. Da es unterwegs nichts Besseres gibt als eine ordentliche Stulle mit was drauf, habe ich den Morgen damit verbracht, im Hotelzimmer Brote voller Liebe und Hingabe zu schmieren, zu belegen und zu verpacken.  Die Anderen packen ihre Bifi aus. Pff, Überlegenheitsgefühl. Ich biete, wie ein sanftmütiger König, der Runde meine frisch geschnittenen, frisch belegten, frisch duftenden Stullen an, aber der Pöbel weiß nicht, was gut für ihn ist und stürzt sich stattdessen auf die Würstchen.

Land unten

Noch 14 Kilometer liegen laut  GPS vor uns. LÜGE! Aber ziehen wir lieber weiter! Keine 100 Meter von unserem ungesicherten Pausenidyll stoßen wir auf die offizielle Pausen-Ausichts-Plattform. Abgesichert, aufgehübscht, TÜV-geprüft. Schallernd hallt unser Lachen durch den Wald. Harharhar! Solche Absperrungen brauchen wir nicht, denn wir sind Abenteurer! Mittagessen, wo andere die Feuerwehr holen.

Ab hier geht das komplette Touristik-Programm los: Kurz hinter den abgesperrten Aussichtspunkten stoßen wir auf die Libroriuskapelle am Felsrand, ein offenbar besonders beim Pack der Gegend beliebter Treffpunkt und zentraler Austragungsort aller Saufgelage der letzten hundert Jahre. Zugemüllt und vollgekritzelt. Während die Wanderer die Kapelle betrauern, beschließen der Doktor und ich einen kleinen Pfad am Felsrand hinunter zu steigen, an dessen Ende uns eine Einsiedler-Klause versprochen wurde. Die Einsiedler-Klause entpuppt sich als Höhle im Fels, oder besser: “ein barockes Kleinod in der Waldeinsamkeit” (Quelle: Internet). Hier lebten von 1596 bis ins Jahr 1783 besonders kontaktscheue Mönche des Klosters Echternach (Luxenburg). Nach 1783 scheint abermals das Pack die Kontrolle übernommen zu haben. Die Wände der Höhle sind mit den üblichen Dreckskrackeleien verschandelt. Schon schlimm, schlimmer noch: In einem kleinen Raum in der Seitenwand des Felsens stapelt sich die Scheiße. Klopapier und Scheiße, “ein Kleinod der Waldeinsamkeit”.  Ein Autounfall für Auge und Nase – ich mache ein Foto. (Notiz an mich selbst: Weiterarbeiten am Text “Wie man in den Wald scheißt / Koten? Natürlich! / Wie scheißt der Bär in den Wald?” oder so).

Klause mit Klo

Mit frischen Herpesbläschen auf den Lippen kehren wir zurück zu den Wanderern und ziehen weiter. Schon wieder Wald. Ewig dahin mäandernder Wald. Ein bisschen bereitet es mir Sorgen, dass wir trotz Felsfratzen, Wasserfall, Aussichtspunkt und Kack-Kapelle immer noch im ersten Drittel des Weges sein sollen. Irgendwann muss doch der Scheitelpunkt überquert sein – alles danach ist Rückweg und Vorfreude auf Futter. Die Gruppe ist zu fragil für Verzögerungen. Eigentlich soll uns der Weg in die Teufelsschlucht führen, ein beeindruckendes Labyrinth aus Stein. Bisher lugen nur einzelne Felsen hier und da aus der Erde. Nervös tippe und drücke ich auf meinem GPS-Gerät herum. 200 Euro Elektroschrott und Extralast. Es gibt keine Stelle an meinem Körper, an der sich das Teil anschmiegt und still mitwandert. In der Hosentasche quetscht es mir wichtige Venen ab, am vorderen Verschluss des Rucksacks hämmert es mir mit jedem Schritt gegen die Brust. Hinzu kommt die unhandliche DSLR, die seit dem ersten Schirtt um meinen Hals baumelt, immer griffbereit – wir leben in einer visuellen Welt, wir brauchen braucht Bilder, wer liest schon die Texte!

Kurzer Abgleich: Zwischen Tür und Angel hingerotzte Instagram-Fotos: 15 Kommentare, 60 Likes; über Tage und Nächte aus dem innersten der Seele Wort für Wort emporgetragene Herzenstexte: Null Kommentare, drei Likes bei Facebook. Vielleicht sollte ich zu jedem Text ein überinszeniertes Spiegelselfie posten, auf dem ich penishungrig in die Kamera giere. Mein innerer Consultant stimmt ein: “Von YouTube lernen! Irgendwas mit “PRANK!” oder gar “MEGA PRANK!!” im Titel und schon schämen sich zwar alle, klicken aber trotzdem drauf. Subtil ist zu subtil, wir brauchen Konfetti, Pauken und Trompeten.”

Schuld und Hölle sind immer die Anderen.

In einem alternativen Universum

Symbolisch überqueren wir eine Straße. Zäsur. Wieder klar kommen. So ganz abgelegen ist das hier auch alles nicht. Nach einer kurzen Etappe am Straßenrand verschwinden wir erneut im Wald- ewiger Wald. Ein umgestürzter Baum liegt wie die Schwelle zur Teufelsschlucht auf unserem Weg. Dahinter beginnen die Felsen.

Fratzen im Stein – die Fantasie hat wieder gut zu tun. Verlorene Seelen, die uns aus ihren gelben Augen heraus anstarren. Es leuchtet aus den tiefen Ritzen und Löchern und Furchen. Moment! Da leuchtet es doch wirklich! Die ganze Wand schimmert. Ich bleibe stehen. Magischer Moment. Gänsehaut. Strahlende Kinderaugen. In den Felsspalten hat sich eine Flechte breit gemacht, die in der Dunkelheit schöner funkelt, als ganz Pandora in 3D. Da rennt man jahrelang durch den Wald und hat noch nie fluoreszierende Flechte gesehen. Kein Foto kann das einfangen. Aber die Welt braucht ja Bilder, also bitte:

Leuchtflechte

Wir gucken viel, ich staune viel. Später lerne ich noch:

“Leuchtflechte, Geruch: Neutral. Geschmack: Unbedeutend. Fleisch: Gelblich, dünn, wie sandartig aufgesprüht. Die Flechte ist weder eine Pflanzenkrankheit noch ein Baumschädling, sondern die Flechte ist eine Lebensgemeinschaft aus Pilz und Alge, welches die Pflanze nur als Haftunterlage benötigt. Verwechsungsgefahr: Gewöhnliche Gelbflechte, Zitronengelbes Holzbercherchen, in grau: Gewöhnliche Lepraflechte”, weiß 123pilze.de und ich weiß nichts.

Trotz dieser kleinen Episode Glückseligkeit, keimt Zweifel und Erschöpfung in der Gruppe auf. Wir haben immer noch nicht die eigentliche Teufelsschlucht erreicht. Nach dem leuchtenden Felsen folgt wieder schlichter 08/15-Wald. Es knirscht und knarzt im Teamgefüge. Das sind ganz schöne Entfernungen hier. Als wir endlich an die ersten Ausläufe der Teufelsschlucht gelangen, blicke ich auf mein GPS-Gerät: noch nicht mal halbe Strecke. Das ist nicht gut. Noch viel mehr Erlebnisse und noch viel mehr Wald halten wir nicht aus. Zu unchillig heute. Bei vier Leuten in einer Wandergruppe läuft man sich selten in Trance. Immer wird geredet, immer wird eingeorndet, immer muss irgendwer auf irgendwen warten (Schuhe zubinden, Fotos machen, Leuchtflechte abfeiern). Wir beschließen zunächst den Weg durch die Schlucht zu laufen – sie ist schließlich das Highlight – und dann zu einer Gaststätte ganz in der Nähe, Lagebesprechung.

Endlich Teufelsschlucht. Rechts und links ragen Felswände empor und verdrängen die Sonne, wir wandern durch Spalten, immer tiefer, immer tiefer, immer kälter, immer dunkler. 10 Grad Temperaturunterschied herrscht am untersten Punkt. Ich fröstel – mit all den anderen.

Abandon all hope

Da man ein landschaftliches Highlight mit so knackigem Namen nicht nur ausdauernden Wanderern in der Unerreichbarkeit überlassen kann, führt eine Straße quasi bis vor die Tür der Teufelsschlucht. So ist auch OmaOpaVaterMutterKind an einem dösigen Sonntag ein Spaziergang mit Einkehr vergönnt. Ganz in der Nähe ist zudem der Dinosaurierpark. Einmal parken, zweimal FUN: Park und Schlucht.

Dementsprechend sieht es in der Schlucht allerdings auch aus. Geländer, Treppen, Mülleimer, Leute in Flipflops und Hunde, die für 35 m² ZKB gezüchtet wurden. Die leuchtende Wand hatte Magie, die Teufelsschlucht sieht nur gut aus. Der Zauber ist verflogen, da macht es mir auch nichts mehr aus meine Kamera zu zücken und den ganzen Quatsch zu filmen.

[Mein Schnittprogramm ist abgeschmiert. Meine Nerven liegen blank. Film wird irgendwann nachgereicht.]

Wir stehen Schlange, trotten anderen Besuchern hinterher, halten uns fest und steigen Stufen rauf und runter. Das muss mal toll ausgesehen haben. Nach der Hauptschlucht folgen weitere Felslandschaft. Wirklich schön hier. Aber all die Menschen… Ach, wären nur diese Geländer und Treppen nicht, so dass man sich hier noch ehrlich auf die Fresse legen könnte.

Wir reißen aus. Scharfe Kurve links, mitten ins Gebüsch. Radikale Abkürzung durch den Wald zum Bistro (“Teufels Küche”). Wander-Puristen geht die Hutschnur, da es ein Sakrileg ist, die Pfade zu verlassen und querfeldein Wald und Wiese niederzutrampeln. Aber Hashtag Yolo.

Das Bistro ist angeschlossen am Besucherzentrum Teufelsschlucht. Hier tobt das Leben. Familienausflug, Kaffefahrt, Kindergeburtstag – alles auf einem Haufen. Selbstbedienung drinnen, Exit through the Gift Shop. Was soll’s, wir sind ein bisschen erledigt und gönnen uns (hart) Getränke und Eis. Runterkommen, nachdenken. Keiner will derjenige sein, der die Entscheidung trifft, aber wir wollen raus hier. Aus der Schlucht, aus dem Wald. Mein GPS-Buddy sagt: Hälfte geschafft. Die nächste Hälfte wollen wir nicht schaffen. Wir kürzen die Wanderung ab, halbieren den Kreis.

Einsamer Baum

Alle sind erleichtert. Besonders schön: Der neue Weg führt uns raus aus dem Wald und rauf auf die Felder. Das hatten wir heute noch nicht. Blick aufs Land, Pferde auf der Wiese, Katzen im Gras. Damit wir die Abkürzung durch mehr rechtfertigen können als Unlust, beschließen wir einen Geocache einzusammeln, der wenig abseits des Weges liegt. Zwar verweigert mein GPS-Gerät auf halber Strecke die Arbeit, aber das geschulte Team findet das Versteck auch so. Gibt ja nicht viel hier. Ein weiterer Geocache  hat sich noch auf unserem Parkplatz versteckt, das soll unsere letzte Tat für heute sein. Und schon hat man das Gefühl, etwas erledigt zu haben, wie eine fleißige Person. Fünf Minuten vor Parkplatz legen  wir eine kurze Pause auf einem Spielplatz ein. Wer an einem Spielplatz vorbeigehen kann, ohne dabei zumindest tief in seinem Herzen auf die Schaukel zu wollen, der hat sicher zuhause keinen Fernseher oder gehört zur Sorte “nur 3Sat und Phoenix” .

Träumt vom Tv-Programm

Der Parkplatzt rückt in Sichtweite. Endlich, endlich, endlich! Jetzt schnell den Cache einsammeln – I was here 2016 – dann futtern. GPS-Buddy muss mich nur noch die letzten Meter zum Versteck lotsen. Noch wenige Schritte: Weg, Wiese, Felswand, nichts. Falsche Richtung? Weg, Gras, Baum, nichts. Kein Cache, kein Versteck. Der Blick klebt am GPS-Display, ich irre hin und her, zur Wand, zum Baum, Tanzbär der Technik. Das restliche Team hat sich schon längst zur Brotzeit in eine Parkanlage oberhalb der Felsen verabschiedet. Felswand, Wiese, nichts – Gras, Baum, nichts. Aus der Parkanlage dringt gute Laune, die Bifis wurden ausgepackt. Ich suche immer noch. Was will GPS-Buddy von mir? Sag mir doch, wo soll ich hin? Abbruch, Aufgabe, Kapitulation – ohohoh.

Eine kurze Zeit lang spielte ich einst mit dem Gedanken, mir aufgrund meiner allgemeinen Orientierungslosigkeit im Leben und meiner Liebe zum Wandern einen Kompass tätowieren zu lassen. Mittlerweile erscheint mir das aber zu zynisch, zu nah an der Realität. Orientierungslose (literally!), überforderte GoogleMaps-Sklavin. Ein funktionierender Kompass wäre die bessere Idee.

Rückzug Richtung guter Laune. Niederlagen machen mich immer so fertig – anders als berufliche Auszeichnungen, liebe Worte von tollen Menschen und ungefragt zugesandte Geschenke.

Die Sonne tröstet mich mit ihrer warmen Umarmung, Lichtnahrung. Die Crew begrüßt mich freundlich, keiner lacht wegen des Geocaches, alle sind zufrieden. Letztendlich war es doch ein angenehmer Tag. Schöne Erinnerung.

Bäume

Timewarp: Oktober 2016. Heute Morgen konnte man den Rhein vor lauter Nebel nicht mehr sehen, mir ist seit Tagen durchgängig kalt und meine Wander-Begleiter haben sich mit “Joar, im nächsten Jahr dann mal” verabschiedet. Viel passiert nun nicht mehr. Herbstwanderung durch Weinregionen? Ein neuer Versuch “Winterwonderwanderung“? Vielleicht war es das für dieses Jahr. Dann heißt es nun durchhalten bis zum Frühling. Ich wickel mich bis dahin in mein Slanket und klammere mich fest an die Vorfreude. Ich freue mich auf den unerschöpflichen Dilettantismus mit meinem Gefährten, auf ein Wiedersehen mit den erprobten Wanderern am schönsten Ort der Welt, auf mürrisch mitlaufende Doktoren und auf alle neuen Begleiter, denen ich zeigen kann, wie viel schöner als Bilder doch Erfahrungen sind.

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