Lienen: Teutoschleife Holperdorper, 13 km, Rundweg

In diesem Jahr werde ich artig auf meine Tassen im Schrank aufpassen und KEINEN Adventskalender ankündigen! Himmel, was war das letztes Jahr für eine völlig sinnlose Aktion! Stattdessen gibt es diese wunderschöne Wanderung, die für jeden Leser eh ein Geschenk wie 24 Türchen sein wird. Denn es war eine ganz feine Tour und ich werde sie zudem in einen ganz phantastischen Text verpacken (oh boy… jetzt auch das noch).

01_Holper

Die Teutoschleife Holperdorper ist eine von zahlreichen Teutoschleifen-Rundwegen im Tecklenburger Land. Allesamt Premiumwege, ausgewählt, da wir zu viel Gewicht auf das Urteilsvermögen einer zwielichtigen Organisation mit zwielichtigen Vergabemaßstäben geben (Hagener Drei-Türme-Weg, du ewiges Negativ-Beispiel). Mein Wandergefährte und ich haben allerdings schon eine Wanderung im selben Gebiet hinter uns, die uns darauf schließen lässt, dass es hier mal bei der Entscheidung mit rechten Dingen zu ging.

Diesmal haben wir einen Gast bei uns. Uhuuu. Ich möchte und werde es nie meinen Texten zuschreiben, aber im vergangenen Jahr haben doch immer wieder Menschen angefragt, ob sie nicht mal mit mir wandern könnten. Man unterstellt mir  offenbar Kompetenz, was nur Leidenschaft ist. Wahrscheinlich hat es wirklich rein gar nichts mit den Texten zu tun, denn dann könnte ja jeder lesen mit was für einem Haufen Amateure er es zu tun hat.

02_Kai

Unser Gast, den ich Kai nennen darf, ist schlecht vorbereitet, passt also perfekt ins Team. Da er keinen Rucksack besitzt, hat er sich eine Jutetasche mitgenommen. Rumpelig, unvorbereitet –  mir geht das Herz auf. Unterwegs fragt er mich noch nach Empfehlungen für Tages-/Wander-Rucksäcke. Um nicht an Kompetenz zu verlieren, nuschel ich einfach alle Marken runter, die mir einfallen. Ein Service, auch für den geneigten Leser:

Osprey – hängt immer in den feinen Läden herum. Ist sicher gut,  zugreifen.

Deuter –Marke meines Mehrtagesrucksacks; besteht quasi nur aus Reißverschlüssen,  Riemen, Haken und Fächern;  Freunde abwechslungsreicher Verstauoptionen können hier nix falsch machen.

Jack Wolfskin – Sicher okay, aber will man wirklich die Person mit dem Jack-Wolfskin-Rucksack sein?

Tatonka –  Marke meines Tagesrucksacks – das rote Ding an meinem Rücken auf allen Fotos. 15 Liter. Hier passt angeblich nur ein klein gerollter Pulli rein, ich hab es aber bisher immer geschafft meinen gesamten Haushalt zu verstauen. Sieht leider aus “wie so’n Werbegeschenk von Rossmann”, meinte meine Schwester, woraufhin sich meine Familie zu einem No-Limits-Roasts meines Rucksacks aufgefordert fühlte. Natürlich sieht der nicht gut aus.  Nix am Wandern sieht gut aus! Außer die Umgebung.

03_Tatonka

Gut erkennbar: Ich, im Schloss von Cochem, mit Tatonka-Rucksack

Gekonnte Überleitung: Was hingegen gut aussieht an diesem Tag ist das Wetter. Tiefer Sommer. In meinen Notizen habe ich zum Wetter vermerkt “dermaßen gut”. Es ist also ernst!

Freudig hüpfen wir allesamt in die ersten  Meter Wald. “Wir sollten aus den Wanderungen mal Videos machen. So Wandervideos. Handy, Actioncam bei Bedarf, Weg filmen, bisschen was erzählen…” Bäm! Zwei Meter Wald, schon schwer inspiriert. (Das erste Video wurde dann zwar dieses Immerath-Ding, aber im nächsten Jahr folgen sicher die ersten richtigen Wandervideos). Mein großes Vorbild in diesem Bereich: Kai Sacki Sackmann, der auf seinem YouTube-Kanal Outdoorfragen klärt, rumwandert und generell the life lebt. Sacki hat mir in den letzten Monaten alle Wissenslücken geschlossen, die ich jemals hatte. Was tun bei Gewitter? Sacki weiß es! Wie kann man sich ohne Kompass orientieren. Zack! Sacki zeigt gen Süden. Was soll ich bloß in meinen “How to shit in the woods” Text schreiben? Sacki Sacki Sackmann. Das ist ein Abenteurer. Wir sind kleine Schönwetter-Feelgood-LowCarb-Wanderer. Sacki zieht es durch. Nächste Textidee: Lobhudelei Sacki! Jetzt: Schönwetter-Feelgood-LowCarb:

Der Weg verspricht uns direkt zu Beginn einen Wasserfall. Und Wasserfälle werten jeden Weg auf.  Leider entpuppen sich die Wasserfälle auf den meisten Wegen eher als Rinnsale, die einen Stein hinunter purzeln, was auratisch doch bitteschön eine ganz andere Kategorie ist! Bislang bin ich überhaupt nur an einem Wasserfall vorbeigekommen, der diese Bezeichnung verdient hat: der Burgbachwasserfall im Schwarzwald. Dazu hier ein auratisches Bikini-Bild vor besagter Kulisse:

04 Bikini

Und wegen Gleichberechtigung:

05_bikinibjörn

Selten haben wir uns mehr wie stahlharte Baumfällertypen gefühlt, wie in dem Moment, als wir unter einem eiskalten Wasserfall mitten in der Natur standen.

Im Vergleich dazu das Rinnsal vom Holperdorp:

06_Wasserfall

An meinem einfältigen Gegrinse kann man allerdings erkennen, dass ich leicht zu begeistern bin.

Selbst olle Felder begeistern mich, wenn sie in der Blüte stehen, kein Kraftwerk am Horizont das Idyll stört und das Wetter so dermaßen gut ist. Auch meine beiden Begleiter sind ganz angetan. Das freut mich besonders für Kai, den wir schon auf unserer Wanderung zuvor mitnehmen wollten, was GOTTSEIDANK nicht geklappt hat, denn das war der fucking Drei-Türme-Weg in Hagen (verflucht seien noch deines Kindes Kinder Kinder). Was hätte das für einen  Eindruck hinterlassen? Ich schwärme Kai in den schönsten Formen und Farben vom Wandern vor und sein erster Kontakt ist Hagen!!!fünf Ausrufezeichen (an dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass die Stadt Hagen nicht allein an ihrem Premiumwanderweg gemessen werden sollte) .

Hier ist alles schön. Und es wird besser: Tierchen! Ein Wildgehege. Hirsche, Rehe, ich schwöre, ich habe ein Eichhörnchen gesehen. An dieser Stelle beginnt das sich durch die Wanderung ziehenden Motiv: mein Gefährte versucht Tiere anzufassen, was ich hier kurz filmisch zusammengefasst habe:


Ganz entzückt ziehen wir weiter, auch wenn sich die Drecksrehe nicht EINMAL anpacken ließen.

Neben unserem Weg murmelt ein Bach –  oder eher ein Rinnsal.  Egal, Gewässer auf Wanderungen gibt Pluspunkte (siehe Wasserfall). Über das Rinnsal ist ein Baum gestürzt, nichts besonderes, Wald macht das. Aber wir sehen sofort die Herausforderung: rüber ohne reinzufallen. Für agile Bauernhofkinder (oder kletterwütige Stadtkinder) ist das kein Problem, aber habt ihr mal Erwachsene beim Klettern und Balancieren erlebt?  Ein Elend. Alles verlernt, was einem die Kindheit auf Bäumen, Garagendächern und über Zäune beigebracht hat. Der Erwachsene ist entweder komplett der Fitness verfallen und springt nun in unangenehm jugendlicher Klamotte (Schlabberlook) durch Madonna-Videos. Oder er ist, wie es sich gehört, faul und fett geworden. Seit zwanzig Jahren zum Bäcker mit dem Auto, aber in jedem Gelenk ein Wehwehchen, als gäbe es da einen Zusammenhang. Wenn so ein Klumpen Mensch also über einen Baumstamm balancieren muss, ist gleich groß Kirmes in der Adrenalin-Drüse!

07_baum

Hahahahihihiohgottohgottohgottwartewartewarte! Mehr Abenteuer geht kaum. Keiner fällt ins Wasser. Enttäuschend, wird aber sicher irgendwann noch passieren. Deswegen machen wir den Quatsch überhaupt!

Im Freudentaumel wandern wir weiter. Es ist herrlich leer im Wald. “Wer als erstes ein Tier sieht, gewinnt! Also, ein  cooles Tier! Kein Vogel oder gar Fisch! Reh oder Fuchs oder Bär!”, “Ich glaub nicht, dass es hier Bären gibt”. Mein Einsatz: Ich versuche meine Gefährten mit meinem Bärenwissen zu beeindrucken, hau aber alles durcheinander (Brauner Bär = alles gut,  schwarzer Bär = alles schlecht, weißer Bär = alle tot? Sacki weiß das sicher). Mein Gefährte versichert mir, falls wir jemals einem Bären begegnen sollten – egal welche Farbe – werde er mich opfern. Kräftig schupsen und wegrennen. Homo homini lupus.

Der Weg führt uns an den Rand des Waldes. Links der Wald, rechts eine Böschung voller Gestrüpp, und oben drauf: ein Zaun.  Unsere Sicht ist eingeschränkt. Aber wo ein Zaun,  da ein verstecktes Dahinter.  Wir sind zu neugierig, um das vorbeiziehen zu lassen, also stürzen wir uns hinein und erblicken die Ödnis eines Steinbruchs. Leer und tot.

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Einen Monat später werden wir am Rande des großen Nichts namens Garzweiler stehen und merken, wie beeindruckend das große Nichts wirklich sein kann. Noch sind wir jung und unwissend. Wahrscheinlich gibt es irgendwo auf der Welt ein noch größeres Nichts.  Ich muss es nicht sehen.

Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln bzw. Wald. Schon wieder rein in den Wald. “Ich schätze es sind noch 6,3 Kilometer”, haut mein Gefährte beiläufig raus. Und dann das: Kaum hat er seine Schätzung abgegeben, weist uns ein Schild darauf hin “noch 6,3 km”. “Oh, sieh mal an. Tatsächlich”, bemerken wir, während sich mein Gefährte für seine Schätz-Leistung fast den Schampus über den Kopf kippt. “Ich bin so gut! Hast du das gesehen? Auf die Nachkommastelle genau! Das ist das Beste, was mir jemals überhaupt passiert ist! Habt ihr das gesehen??”. Zufall? Glück? Wir sollten ihm jetzt auf keinen Fall zu viel Aufmerksamkeit schenken, sonst hören wir in drei Jahren noch davon. Am besten die Episode noch nicht mal im Blog erwähnen!

Freud und Leid, schön und hässlich, gigantisch und winzig – die Dichotomie kreuzt und kreiselt diesen Weg. Kaum haben wir die gigantische Hässlichkeit des Steinbruchs hinter uns gelassen, wird es klein und unsagbar putzig. Auf einem Feldweg huscht etwas durch mein Blickfeld. Ich drehe mich um und sehe erst mal nichts (Feld, Wiese, Hecke). Bis ich am Boden, keine drei Meter hinter uns, ein kleines rotes Knäul in unsere Richtung tapsen sehe. Ein Eichhörnchen! Ach was, ein Baby-Eichhörnchen! Kaum grösser als ein… Knäul eben. Es tapst uns hinterher,  ich muss mir Mund,  Nase und Ohren zuhalten,  um nicht vor Entzückung zu explodieren.

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Bei nichts anderem verliere ich so leicht die Fassung, nie fällt der Panzer schneller in sich zusammen, wie ein mit Wasser gefüllter Ballon unter dem Stich der Nadel, nie schießt mir das Herz schneller mit lauterem Gequieke durch den Mund, als beim Anblick niedlicher Tierchen. Mein Tod wird ein glücklicher Sturz in eine Fuchs-und-Eichhörnchen-Auffangstation sein. Schlimmes Weiberklischee, aber zum Glück zerfällt mein Gefährte in diesem Moment in einen ähnlich butterweichen Zustand. “NEEEEEEEEIIIIIN! DIE DICKE MAAUUUS!”, hörte ich ihn schon beim Anblick von Katzen, Kühen, Käfern ausrufen. Kai steht mit Verwunderung neben uns, aber das muss auch ihm ans Herz gehen! Der Gefährte streckt die Hand dem immer näher tippelnden Winzling entgegen. Ich will mich abermals als die kompetente Person gebärden und versuche mich zu erinnern, was ich auf meinen Streifzügen durch die schönsten Babytierbilder des Internets nebenbei über hinterherrennende Eichhörnchen gelernt habe. Da war was. Immer ist was. Immer muss man irgendwas beachten. Einsames Rehkitz: nicht anfassen,  die Mutter ist meist in der Nähe; einsamer Frischling: Lauf! Die Mutter ist meist in der Nähe; einsames Baby-Eichhörnchen?? Anfassen? Mitnehmen? Eichhörnchen brauchen Hilfe, wenn sie Menschen hinterherrennen. So viel weiß ich noch. Aber was machen wir nun? Es schreckt zurück. Essen und Trinken – immer gut . Wir versuchen es mit Wasser aus unseren Flaschen näher zu locken, wir werfen Müsliriegel in seine Richtung. Soeben saß es uns quasi schon auf der Schulter und nun zieht es sich zurück. So können wir auch nicht helfen! Im Garten hinter der Hecke bellt ein Hund. Das kleine Knäul verschwindet im Gestrüpp. Schön blöd. Sagen wir mal, es hat überlebt.

Nach dem persönlichen Höhepunkt folgt das kulturelle (urgh, Kultur). Schilder, Schilder und noch mehr Schilder weisen uns auf die großen und großartigen Duvensteine hin. Hier an den Steinen wurden früher die  Göttinnen der Fruchtbarkeit verehrt. Wir blicken uns um.

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“An einigen Stellen treten Teile des Sandsteines an die Oberfläche und bilden Felsformation, welche schon immer die Aufmerksamkeit der Menschen erregt haben.” (Quelle: Internet)

Wir sind offenbar von Computerspielen, Internetpornografie und sonstigen Instant-Gratification-Shit zu sehr vermurkst worden, denn unsere Aufmerksamkeit erregt hier gar nichts. Erst als wir sehr genau in den normalen Normalo-Wald starren, fallen uns die Steine auf. Unter ein bisschen Wald ragen zärtlich-schüchtern die Duvensteine aus dem Boden. Wer einmal einen Stein gesehen hat, wird nicht beeindruckt sein. Und wer einmal in die massiven Steinaugen der Teufelsschlucht geblickt hat, lacht dreimal laut über den Kiesel im Wald.

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Da müssen wir uns unsere Erregung eben anderweitig besorgen: Herumkraxeln! Auf die Steine! Bezwingen, oben rumlungern. Alle kraxeln mit. Bisschen spaßig, wie früher, Garagendächer und so. Klettern verlernt man nicht, man lernt nur Angst zu haben. Aber uns ist im Leben eh alles egal. Daher rutschen wir nun über moosige Steine nach oben. Und da haben sich die Steine schon gelohnt, denn oben sehen wir tatsächlich noch die Reste dunkler Satansrituale.

[Ich dachte, ich hätte da ein Foto gemacht. Hab ich nicht.]

Ein Ring aus Walnüssen liegt oben auf, in der Mitte aufgefüllt mit Hölzern und Federn. Alles ist voller Walnüsse. Ich zerstöre den Hexenkreis und nehme mir eine der verfluchten Nüsse mit. Seitdem sehe ich jede Nacht ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren in meinem Schlafzimmer. Naja.

An einer Pfütze rettet mein Gefährte einer Motte das Leben (“DIE DICKE MAAAAUUUUS!”). Wieder Wald und wieder Tiere. Diesmal allerdings die uncoole Art: Fische. Meh. Als ich etwa 9-10 Jahre alt war, wurde mir bewusst, aus was die Gesichtswurst gemacht wird und in welchen Massen da produziert/getötet wird. Das hat einem kleinen Kind derart das Herz gebrochen, dass ich seitdem kein Fleisch mehr gegessen habe. Außer halt Fisch, weil, der ist schon irgendwie hassenswert. Glibberig, dumm, hirnloser Schwarm. Damit habe ich ein paar Jahre später nur aufgehört, damit ich mir die ollen Kommentare vom Leib halte: “Aber wieso denn dann Fisch? Hat der etwa keine Gefühle?” Später sollten die besonders Witzigen dieselbe Frage mit Pflanzen statt Fischen stellen. Mittlerweile lass ich ihnen ihren Humor und erlaube es mir gelegentlich in eine saftige Pflanze zu beißen, die mit letzter Kraft und unter Qualen all ihre Botenstoffe ausschüttet.

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Fische also. Dumm, wie drei Meter Feldweg wimmeln sie in einem Becken vor sich hin. Wir sind uns noch nicht mal sicher, ob die überhaupt noch leben, da ein beachtlicher Teil auf dem Rücken schwimmt. Aber das scheint bei den hirnlosen Deppen zum zwecklosen Dasein dazuzugehören, denn immer wieder dreht sich einer um und denkt sich… Nichts wahrscheinlich.  Rumliegen können sie. Hüpfen ist die zweite Tätigkeit, der sie nachgehen. Umdrehen, einmal aus dem Wasser hüpfen, alles im Leben vergessen, wieder umdrehen. Das zeugt von einer Schlichtheit, dass es uns langsam in den Bann zieht. Was für ein Leben! Den ganzen Tag Flossen hoch, ab und an aufschrecken, dann wieder alles vergessen. Das macht man dann so ein paar Monate, dann wird man ohne Ansage erschlagen.  Warum sollte sich der Mensch Achtzig Jahre mit all dem Scheiß, den das Leben bietet, herumquälen? Könnte man das nicht auf handliche zwölf Monate komprimieren? Passt alles rein: Geburt, laufen lernen, Bein gestellt bekommen, Sprache lernen, ausgeschimpft werden, verlieben, ausgelacht werden, noch mal verlieben, noch mal ausgelacht werden, aufgeben, Kaffee und Kuchen, Weihnachten, Tod.  Runde Sache.

Seit zwanzig Minuten sehen wir den Fischen zu. Wer ist jetzt der Blöde? Wir reißen uns los und schütteln uns zurück ins Leben. Laufen!  Nicht an die Fische denke! Wenn es schlecht läuft, haben wir noch 50 Jahre vor uns. Immer einmal mehr aufstehen, als hinfallen. Das ist die Kunst.  Nicht an die Fische denken!

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Drei Meter Feldweg

Da dieser Weg das Label Premium tatsächlich verdient hat, folgt schnell Ablenkung: ein Bauernhof mit all seinen Feldern. Neben uns wachsen Kohlrabi, Kopfsalat, Kartoffeln und Karotten. Wunderschön. Ich bin geneigt mir einen Kohlrabi mitzunehmen, habe aber all meine kriminelle Energie bereits im Alter von 12 Jahren aufgebraucht, als ich bei Karstadt mit Freundinnen eine Tintenpatrone klaute. Und wie geht es Karstadt heute? Das kann ich dem Bauern nicht antun! Wie anständige Wanderer bewundern wir sein Werk mit der nötigen Distanz. Der einfache Bauer und wir, die feinen Pinkel aus der Stadt. Ob Bauern zur Erholung nach Köln fahren und mit großen Augen in engen Gassen vor den vollgeschmierten Häuserwände stehen, sich nicht trauen, die leere Pfandflasche vom Boden aufzuheben, weil man dem Großstädter nichts wegnehmen möchte?

Noch ehe der Gedanke ganz ausgereift ist, schreit der Gefährte von der Seite. “ICH SCHWÖRE!”, der Finger zeigt zum nächsten Hinweisschild: 0,9 Kilometer. “ICH SCHWÖRE! Ich hab kurz noch überlegt, ob ich es aussprechen soll, aber ich hab schon wieder die genaue Distanz geraten! WIRKLICH!”  Wenn es so gewesen ist, wäre es ein bisschen beeindruckend.

Die Wanderung geht auf die letzten Kilometer. Wir überqueren eine Landstraße mit einer einsamen Bushaltestelle (Einsam blicken die Vergessenen auf den Horizont, an dem der Bus doch niemals erscheinen wird; Haltestelle an der Schwelle zum Glück / Wann fährt uns der Bus ins Leben zurück? – Songtext fertig. Alle weinen.).

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Wir haben zurück ins Leben gefunden. An einer Gaststätte kommen wir aus dem Wald. Das faule Auto-Volk haut sich bereits die Rouladen rein. Wir haben zwar Hunger, aber kurz vor dem Ziel und dann noch zwischen all den Leuten wollen wir wirklich nichts essen. Und schon gar keine schicken Sachen aus guter Küche, sondern POMMES! Von einem schwitzigen Typen in einer fettigen Stube serviert, BILD-Zeitung auf dem Tisch, Verdachtsfälle auf dem TV-Bildschirm, Krautsalat in der Auslage. Wer ne Bionade will, bekommt direkt eins in die Fresse.
Der Hunger treibt. Schon sind wir zurück im Auto. Ab ins nächste Nest und Augen aufhalten nach Harry’s Schlemmerkiste, Rosi’s Grill, Heiße Stube’s!  Zunächst landen wir bei einem American Diner, aber es gibt Bionade, also weiter.  Dann stoßen wir auf einen Barfußpark. Wir haben so Hunger… Aber ein Barfußpark!? Ich war noch nie in einem Barfußpark! Was ist das? Was gibt es da? Wieso wissen wir wieder nichts von gar nichts? Neugierde schlägt Hunger.

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Der Barfußpark Lienen. Letztendlich ein Park mit Wegen, die nur von Barfüßigen begangen werden dürfen. Eintritt kostenlos, Schuhspint kostenlos, Toiletten kostenlos, Fußduschen kostenlos, Spaß unbezahlbar. Wir würden vor Entzückung über die Wege hüpfen, wären unsere Füße von all der Pediküre und der wenigen Fußarbeit nicht ganz zart und verletzlich.  Also tippeln wir über Steine, Hölzer und durch Matsch. Nach einer halben Stunde massiver Fuß(durch)blutung kehren wir zum Auto zurück.

Wir finden eine Bude. Vielleicht hatte sie auch ein Apostroph im Namen.  Ich hab’s vergessen. Die Pommes aber waren alles, was wir an diesem Tag noch brauchten. Das wird ein Premium-Text!

I wonder where that fish has gone…

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