Ueli Steck (1976 -2017)

“Warum steigen wir auf Berge? Weil sie da sind.”

Ueli Steck ist am 30. April am Mount Everest tödlich verunglückt. Genauer: Er stürzte bei einer Erkundungstour auf dem Nachbarberg Mount Nuptse ab.
Im vergangenen Herbst habe ich Ueli Steck beim AlpinTag erleben dürfen. Damals wollte ich über diesen Tag und die Begegnung schreiben, aber ich will ja auch seit Monaten das Toiletten-Knigge schreiben. Nichts wird irgendwas. Nachdem ich von dieser Nachricht erfuhr, überkommt mich zumindest der Drang, eine etwas unausgereifte Notiz runterzutippen.

Erinnerungsreste, Gedankenschwall:

Ich bin kein Freund des “Höher, Schneller, Weiter”-Bergsteigens, weswegen ich recht voreingenommen in seinen Vortrag beim AlpinTag in Leverkusen ging. Ueli Steck rennt Berge hoch. Warum sollte man das tun? Was bleibt da noch vom Berg?

Im Verlauf des Vortrags ergoss sich allerdings die Leidenschaft von Ueli Steck über das Publikum. Er liebte Berge – zwar auf eine irre Art, aber wann ist Liebe schon mal rational, ihr kleinen Romantiker? Ein sympathischer Irrer, hatte ich am Ende des Vortrags gesagt. Und ich hatte ihn verstanden.
Jeder, dem Berge irgendwas geben, hat seine eigene Art, mit dieser Anziehung umzugehen (etwas pathetisch, aber es wird noch schlimmer!). Für die meisten reicht schon ein Foto der Liebsten aus der Distanz. Der nächste braucht Nähe und will in die Berge und sie zu Fuß erkunden, wie eine Hand einen begehrten Körper erkundet. Und so gibt es eben auch diejenigen, denen Fummeln am Berg nicht reicht, die diesen Bergkörper besteigen müssen. Wenn wir im Reich der Erotik bleiben wollen, dann gilt doch auch hierbei: Soll doch jeder machen, wie er es für richtig hält. Niemand muss auf den Berg steigen, aber jeder darf.
Wenn Ueli Steck nun als erster Mensch der Welt in 48 Stunden zwei Achttausender ohne Sauerstoff besteigen wollte, dann war das

  1. Sein Recht
  2. Ohne Zweifel für jeden Bergfotografen irre
  3. Sicherlich nicht nur Ausdruck blütenreiner Liebe, sondern Teil seines Jobs – und da kann Kritik meinetwegen ansetzten

Stars der Bergsteigerszene – und er war sicher einer der größten seiner Generation – müssen liefern, wie Stars in jeder anderen Szene auch.
Der Popstar braucht eine Chartplatzierung, der Bergsteiger einen Rekord. Da gehen Leidenschaft und Job zusammen. Wenn das Album floppt, sind Plattenfirma und Geld weg; wenn der Rekord nicht gelingt, guckt sich der Sponsor nach erfolgversprechenderen Nachwuchs um. So eine Rekord-Expedition entsteht sicherlich auch durch Druck von außen.
Viele Leute, die sich mit einem Foto vom Berg zufrieden geben, senfen nun die Kommentarspalten voll mit dümmsten Sesselurteilen: “Bergsteigen ist Selbstmord”, “Wer sowas macht, hat Todessehnsucht” usw. Was für ein Quatsch. Selbstmord ist ein Leben ohne Leidenschaft. Dahinleben und am Ende hoffen, dass zwischen Geburt und Tod möglichst wenig passiert ist, dass man niemals aus der Reihe getanzt ist und sich immer innerhalb der Gaußschen Normalverteilung aufgehalten hat.

Auf den Mount Everest oder jeden anderen Berg zu wollen ist nicht Selbstmord, es ist der Ausdruck eines menschlichen Drangs, der uns über die Weltmeere, an den Nordpol und ins All gebracht hat. Manche Menschen zieht es ins Ungewisse, ins Extreme. Und darüber können wir als faule Nutznießer solcher Abenteurer und Grenzgänger doch nur froh sein.
Ueli Stecks Unfall ist schrecklich, sein Drang nach “höher, schneller, weiter” ist es nicht.

Sein Video über die Expedition:

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