Lahnwanderweg: Lahnquelle – Biedenkopf, 45 km

Vielleicht sollte ich wieder wandern. Oder zumindest hier wieder warm werden. Schreiben ist leider das Gegenteil von Wandern. Am Rechner rumsitzen und nicht die Augen über das Geschehen streifen und die Beine hindurch laufen lassen, sondern der Kopf muss aktiv das Geschehene heraufbeschwören, während die Beine ineinander verknotet auf dem Stuhl einschlafen. Über die Wintermonate schläft der ganze Apparat ein. Nicht nur die Beine, sondern der Kopf, das Herz – diese ganze Metaphorik. Wenn plötzlich ab April die Sonne scheint und die Kirschblüten uns daran erinnern, dass es Farben gibt, dann zieht es zwar den Körper raus, aber der Kopf macht noch nicht mit. Restmelancholie. Vom Fuß bis zum Scheitel ist man gefüllt mit Galle. Das sickert erst langsam raus, wie bei einer Dusche, bei der seit Winteranfang das Sieb nicht gereinigt wurde. Dann steht man erstmal eine Weile in der Suppe. Da hilft nur warten bis alles weggesickert ist. Da hilft auch keine Wanderung. Wer denkt, dass Wandern glücklich macht, hat keine Ahnung. Nichts macht glücklich. Oder traurig, for that matter. Alles ist schon und wird so bleiben. Egal, was man tut und wie weit man wandert.
Kurz: Zu Beginn des Jahres befand ich mich kopfüber in der Suppe. So etwa: 

01 Ophelia (1000x555)

Drei Wochen nachdem ich dieses Bouquet an Selbstmitleid in Textform gegossen hatte, stand trotzdem die nächste Wanderung an – und ich weiß nun auch nicht, was ich von dem Gejaule da oben halten soll. Wenn Wandern auch nicht merklich die Grundstimmung hebt, so befriedigt es zumindest irgendeinen Bewegungs-Erlebnis-Drang. Am Osterwochenende hatten Björn und ich dann das erste Mal in diesem Jahr Zeit für eine Wanderung. Also Ostermarsch, wie naheliegend.

Da ich mich, wie gelesen, die Wochen zuvor noch im Wintertief befand, unfähig ,einen Beitrag zur Planung beizusteuern, musste Björn diesmal alles alleine machen. Wirklich alles! Ich tat für diese Wanderung rein gar nichts, außer zahlreiche WhatsApp-Nachrichten von ihm zu ignorieren, in denen er Routen, Unterkünfte, Alternativrouten und Alternativunterkünfte vorschlug. All seine Vorschläge habe ich mit einem “joar, passt” oder gar nicht kommentiert, weswegen ich nun nachträglich diese Leistung mit ein paar Zeilen mehr als nötig würdigen möchte.

Drei Etappen des Lahnwanderwegs in zwei Tagen! Profi-Modus. Von der Lahnquelle über Feudingen und Bad Laasphe (unsere 1. Etappe, ca. 27 km) bis nach Biedenkopf (2. Etappe, ca 18 km). Ein stattlicher Weg, von dessen Verlauf oder Ausmaß ich selbst dann noch keine Ahnung hatte, als ich mich zu Björn ins Auto setzte.

Huch, da sitzt ja schon jemand auf dem Beifahrersitz. Ich muss hinten auf die Rückbank krabbeln. Björns Freund und Mitbewohner Malte ist diesmal dabei. Die beiden wachsen derzeit zusammen wie eine angenähte Fingerkuppe. Ich bin zu schwach um da irgendwas gegen zu haben und heiße Yoko in der Band willkommen – naja, Spaß. Ich komme sehr gut mit Malte zurecht. Wir sind alle aus einem ähnlichen Holz geschnitzt, im selben Boot sitzend, brothers and sisters from another mothers and misters. Nur rappen kann Malte leider überhaupt nicht. Das ist nun ganz schlecht, denn aus Tradition böllern Björn und ich bei unseren Fahrten den schlimmsten Azlack-HipHop durch die Boxen. Nix mit Hollywood, Bad Laasphe, Brudi.

Diesmal ist aber eh alles anders. Ich sitze hinten im Auto, die Musik kommt hier nicht an. Die Gespräche kommen nicht an. Außerdem steckt mir noch eine Erkältung in den Gliedern, die ich seit Tagen nicht auskurieren konnte. Und jetzt regnet es auch noch, soll weiter regnen und niemals wieder aufhören. Während vorne im Auto weiter die Freundschaft zementiert wird, überdenke ich still auf der Rückbank alle Entscheidungen in meinem Leben bis zur Entscheidung, heute Wandern zu gehen. Mir graut nichts Gutes. Wahrscheinlich werde ich sterben. Wie so ein Bauer im 18. Jahrhundert: Husten, Lungenentzündung, auf dem Feld tot zusammenbrechen, hinterlässt 11 Kinder, alle kommen ins Heim, werden von Nonnen geschlagen, wachsen auf zwischen Gottesfurcht und Gewalt, keine Perspektive, ständig Schmutz im Gesicht, Lumpenkleidung, Abschaum der Gesellschaft, falsche Bahn, erst Kleingeld aus dem Spendenbeutel klauen, dann kleinkriminelles Milieu, Alkohol und wieder Gewalt, die Männer prügeln, die Frauen lassen sich verprügeln, gammelige Zähne in gammeligen Gesichtern, Krätze, Syphilis, Maden in den Wunden, im Spätsommer werden ihre Leichen stark verwest aus dem Fluss gezogen, Todesursache unklar, Todeszeitpunkt zu lange her, kurze Polizeinotiz, keine Vermisstenmeldung, keine Identität, verscharrt außerhalb der Kirchenmauern, hier ruht niemand.

Ich bin also erkältet.

Um dem Tod davonzukommen, habe ich mich gut eingepackt. Lange Unterhose, Heizpads für die Füße, Schal und Handschuhe. Mehr braucht es nicht für zwei Tage:
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Richtig wichtig: Mein Source-Wasserbeutel. Trinken ohne stehen zu bleiben – wandern mit noch weniger Pausen. Marsch, Marsch, Marsch. Ich habe oft sinnlos Geld in faltbare Becher und ergonomische Socken gesteckt, das kann man diskutieren, aber der Source-Wasserbeutel ist jeden seiner vielen Cents wert! Mittlerweile macht mir das ehrlose Genuckel am Wasserschlauch auch nichts mehr aus. Bekanntlich hat Wandern ja nichts mit Eleganz zu tun.

Richtig überflüssig: Zwei Bücher. 1. Eine Kladde, in die ich alles reinschreibe, was mich interessiert – von guten Zitaten über Wolkenformen bis zur Bindung von Seemannsknoten. Diese Wanderung soll mehr werden, als herumlaufen. Eine Bildungsreise, besonders für meine Gefährten. Keine ziellosen Gedankenströme mehr, kein naives Sturm-und-Drang-Gehabe. Wissen ist angeblich sexy und wir sind alle sapiosexuell. Buch 2: Peter Wohllebens “Gebrauchsanweisung für den Wald”. Die Erklärung ist die gleiche wie bei Buch 1. Ich habe die ersten 60 Seiten gelesen, werde meine Gefährten aber in den nächsten 48 Stunden jeden Satz aus diesem Buch zitieren. Jahrelang lief ich blind durch den Wald. “Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht” sagt Goethe (jawoll, WanWom 2017 ist Hochfeuilleton oder zumindest LK Deutsch) . Peter Wohlleben öffnet mir gerade die Augen. Ich wusste nicht, dass deutscher Wald zu einem großen Teil künstlich angelegte Holzplantagen ist; dass wir hier eine Tierdichte haben, die europaweit Ihresgleichen sucht und dass wir so viele Tiere haben, damit der Jäger was zu schießen hat und dass das alles gar nicht gut für das natürliche Gleichgewicht ist. All diese Informationen sauge ich derzeit auf und schaue später, wie ich Waldfacts hier elegant in die Texte einweben kann. WanWom 2017 ist Infotainment (Nachtrag bei Korrektur: WanWom 2017 ist weiterhin nicht Infotainment; und Hochfeuilleton schon gar nicht).

Das zweite Buch habe ich während der ganzen Wanderung auch kein einziges Mal zur Hand genommen. Unnötiger Ballast. Genau wie die Kompaktkamera, die ich mit leerem Akku einpackte, das GPS-Gerät, das bislang vor allem durch seine teure Anschaffungskosten von sich reden machte, und die Action-Cam, die ich immer vergesse, wenn es sich lohnt (Snowboard-Urlaub) und immer einpacke, wenn es unnötig ist (jetzt).

Peinlich, aber richtig wichtig: Ein gut gefüllter Kulturbeutel. Auch wenn wir nur eine Nacht in irgendeiner Hütte übernachten werden, brauche ich all diese Pflegeprodukte! Schmieren, cremen, zupfen, peelen, konservieren, drüber malen, drüber malen, drüber malen – niemand darf die Seele hinter all diesen Produkten erahnen. Mein Bildnis hängt mir leider im Gesicht und nicht auf einem verschlossenen Dachboden. (Text-Idee: Beautygeheimnisse für Outdoor-Grrrls. Text schreibt sich von allein, da ich Outlook-Grrrl bin und Leuten gerne sage, was sie im Leben besser machen können.)

Außerdem dabei: der gebeutelte Selfie-Stick. Er hat einen äußerst schlechten Ruf. Man denkt an Instagram-Hotbodys und Touristen ohne Freunde. Dabei ermöglicht er zahlreiche gute Perspektiven und hilft beim Problem mit der focal length, die uns auf Eine-Armlänge-Abstand-Selfies immer wie eine groteske Karikatur aussehen lässt. Außerdem: Wenn Curiosity oder coole Astronauten ein Selfie machen, fallen alle vor Freude vom Stuhl, wenn ich das mache, bin ich eitel und hab keine Freunde (Notiz: nach dem Shit-in-the-woods-Text, Lobhudelei des Selfie-Sticks).

Wäre ohne Selfie-Stick nicht möglich gewesen: Dieses Foto und alle anderen.
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Wir fahren nach Feudingen, an der Grenze zu Hessen und in der Nähe der Lahnquelle. Wir stellen das Auto ab und werden von einem redseligen, freundlichen Feudinger per Shuttle weitere 15 Minuten zum Startpunkt der Wanderung gefahren. Hat alles Björn organisiert. Richtig gut!

Im Auto erzählt unser Fahrer, dass “Lahnquelle” so nicht stimmt, es sei eher ein Quellgebiet, in dem aus mehreren Ecken und Enden die Lahn entspringt. Der Tümpel am Parkplatz “Lahnquelle” ist also nur Nepp für dumme Touristen. Das Internet sagt was anderes. Wer hat nun Recht? Wir fotografieren auf den ersten Metern einfach alle Wasserläufe. Irgendwas davon wird schon die Lahn sein. Hier z.B.
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Überhaupt fotografieren wir zu Beginn viel und gerne. Anfangseuphorie. Ab jetzt wird alles besser. Aber nach 100 Metern machen wir bereits erschöpft Pause. Hunger. Immer wird gefressen und gefressen. Die Aussicht auf körperliche Aktivität lässt im Kopf alle Alarmglocken angehen: Jetzt schnell vorsorgen für den Gewaltmarsch. Essen spielt auf Wanderungen immer eine große Rolle. Die menschlichen Basics: essen, laufen, atmen. Daher ein passender Exkurs: Das beste Wanderfutter

  1. Ei – gut zu transportieren, einfach in der Vorbereitung, schmeckt anders als z. B. Salat nach richtiger Nahrung, gute Energiequelle, gute Konsistenz – lässt sich kauen, ohne die Zähne wirklich zu benutzen, so spart man Energie!
  2. Banane – ähnlich wie Ei, matscht im Rucksack aber schnell. Hat daher das Potenial, am Ende einer 2-Tages-Tour vergessen als braune Pampelacke aus dem untersten Eck des Rucksacks gefischt zu werden. Ich verstehe nun, warum es diese Transportboxen für einzelne Bananen gibt.
  3. Schokokekse – Befinden sich nie in meinem Rucksack, da der Smoothie-Superfoods-Fitbit-Wahn der letzten Jahre seine Spuren bei mir hinterlassen hat. Schokolade verbinde ich mittlerweile nicht mehr mit Lebensfreude, guten Noten und erotischen Abenteuern, sondern nur noch mit Diabetes, Arschfett und Heidi Klum, die sagt “ein Stück Schokolade in der Woche ist völlig okay”. Trotzdem: the hearts wants what it wants und ich bin um jeden Oreo und Hanuta und Doppelkeks und Schoko-Cookie froh, den mir Björn anbietet. Wenigstens einer, der sich nicht selbst mit Granola-Goji-Beeren-Riegeln bestraft.
  4. Sandwichbrötchen (selbstgemacht): Brötchen, Tomate, Salatblatt, Käse + 1 Extra (wie Pilze, Ei, Avocado, gebratene Aubergine). Niemals belegte Brötchen bei Kamps und Konsorten kaufen! Immer selber belegen! Ich weiß nicht, welche Mächte in diesen Bäckereien am Werk sind, dass deren belegte Brötchen immer wie Fuß schmecken. Vor Remoulade triefende, überbutterte Weizenklumpen (Remoulade UND Butter?). Das Salatblatt besteht zu 90% aus dem geschmacklosen weißen Teil des Salats, die Tomate ist rot angemaltes Wasser (generelles Tomatenproblem) und der Käse hat vom stundenlangen Schwitzen in der Auslage stattliche Fettperlen auf der Oberfläche gebildet. Aber zu Hause belegte Brötchen sind kleine Kunstwerke, Foodporn, Instagram-Hotbodys, Garten Eden zwischen zwei Weizenwölckchen.
  5. Babybell – Bei WanWom werden noch Namen genannt. Babybell sind gute Häppchen, die gut verpackt in jede Rucksackritze passen. Mit dem Wachs lassen sich zusätzlich die schwarz unterlaufenden Fingernägel überkleben. Einfach falsche Fingernägel modellieren, auf die echten kleben und schon läuft man mit den härtesten Nuttenkrallen des Mittelgebirges durch den Wald (Tipp für den Outdoor-Grrrl-Text!).

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Es regnet übrigens. Immer noch. Auf so eine unangenehme, unentschlossene Art: Nicht stark, aber zu schwach, um die Regenkappen abzusetzen. Bei richtigen Wasserfällen könnten wir wenigstens fatalistisch die Arme gen Himmel strecken. Aber es nieselt nur. Nieselregen ist wie der Typ im Kino, der alle 10 Minuten einmal rau und kalt hustet. Es ist nicht wirklich störend genug, als dass es ein empörtes “Psssschschscht!” in seine Richtung rechtfertigen würde, aber spätestens nach einer halben Stunde kann man an nichts anderes mehr denken, als an den Huster im Raum und wie sehr man ihn hasst und warum hustet er nicht einmal richtig und lässt alles raus, anstatt den gesamten Saal mit mittelalterlicher Genüsslichkeit zu foltern.

Um mich vor dem Regen zu schützen, trage ich die Kappe meiner Wanderjacke tief ins Gesicht gezogen. Vom Weg oder meinen Gefährten sehe ich absolut nichts. Als wir für die nächste Fresspause stehen bleiben und ich die Kappe lüfte, sehe ich, dass wir uns mitten im Wald an einem winzigen Friedhof befinden. Mitten im Wald, ein klassischer Friedhof. So viele Fragen!07
Eine kurze Abzweigung erlauben wir uns in einen Märchenwald für Kinder. Der Wald ist, wie Peter Wohlleben mir beigebracht hat, stark kultiviert. Die Bäume, die Wege, die Kindermärchenwege. Wir finden einen Schatz. Ob das Kindern den Wald erträglicher macht, wenn doch zu hause das Tablet, die Playstation, das Internet und generell alles, was Spaß macht warten? Ich hatte als Kind keine Lust auf Wald und dabei lag zu Hause lediglich ein monochromer Gameboy.

 
Nachdem wir die Lahnquelle schon halbwegs ignoriert haben, kommen wir an eine zweite Quelle: Die Ilse entspringt mitten auf dem Weg. Nie von ihr gehört, aber was kann das schon für ein Fluss sein, wenn er direkt auf dem Wanderweg entspringt. Es ist wirklich unwürdig. Aus einem Loch am Wegesrand quaddelt das Wasser. Aus irgendeinem Grund hielt man es für eine gute Idee, die Quelle in einem Steinhaufen einzumauern, bei dem man lediglich unten einen Spalt zum Abfließen des Wassers und oben in der Decke ein Loch frei ließ. Wie eine Toilette sieht das nun aus. Und lädt geradezu ein, direkt an der Quelle mit einem ordentlichen Haufen die gesamte Ilse zu verunreinigen. Und dann stehen an der Infotafel zur Ilse-Quelle tatsächlich Gläser, die den vorbeikommenen Wanderer einladen, aus der Quelle zu schöpfen. Ekelhaft ist das. Wenn da nun tatsächlich einer reingekackt hat? Was tun wir bloß?
 
Entweder haben wir nun magische Kräfte oder den Fuchsbandwurm. Der Wahn beginnt. Um uns herum schließt sich eine Nebelwand. Kein Regen mehr. Dumpfe Nebelglocke. Tiefer Ton. Wir laufen auf einem langen Weg zwischen den Baumreihen. Am Ende des Weges können wir eine Schattengestalt im Nebel erkennen, die uns aufzulauern scheint. Aber wer soll da schon stehen? Ist da überhaupt jemand? Slenderman? Der Schrakmüller gar? Die berühmte Sagengestalt aus dem Schwarzwald. Wie, noch nie vom Schrakmüller gehöhrt? Dann zieht die Fensterläden zu und setzt euch zu Onkel Björn an den Kamin! Zeit für Schrakmüller, Origins.

 
Noch lachen wir, aber schon bald wird er uns an den Füßen ins Dickicht ziehen. Und zurück bleibt nur der einsame Schuh am Wegesrand. Im Taumel unserer eigenen Schöpfungskraft, fangen wir an zu dichten. Freestyle-Lyrik-Battle! GO! Es gibt keine Vorgaben, jeder darf der Reihe nach zwei Zeilen einer Geschichte erzählen, ach was, reimen. Paarreim, spontan und ohne Qualitätsfilter. Die Geschichte, die wir uns so zusammenstottern ist … nicht sehr gut oder lyrisch. Ich darf aus Opferschutzgründen leider keinen einzigen Reim hier im Blog zitieren, sonst steigt mir der Weiße Ring aufs Dach. An uns ist definitiv kein Poetry Slammer oder Dichter oder Lyriker oder wie diese Leute mit ihren Worten heutzutage heißen verloren gegangen. Immer wieder versuchten wir, auf Orange zu reimen.

Währenddessen drängt es mich in dem ganzen lyrischen Elend einmal aus der Hüfte heraus “Der Fischer” von Goethe aufzusagen. Eines der wenigen, ach, das einzige Gedicht, das ich auswendig kann, weil mir in einer schlaflosen Nacht mal langweilig war und alle schlimmen Gedanken schon zu Ende gedacht waren. Seitdem kann ich das also, was aber keiner weiß, weil Leute, die spontan in Gedichte ausbrechen, die Allerschlimmsten sind. Immerhin hab ich nun einen Weg gefunden, es der Welt beiläufig mitzuteilen.

Nach 12 Kilometern und 5 Seiten Din A4, Calibri 11, haben wir unseren Startpunkt und unser Auto in Feudingen wieder erreicht. Schon ein bisschen sinnlos, Wandern. Kurze Pause am Auto, irgendwer telefoniert, ich zwinge Malte und Björn Ostergeschenke auf, die ich mitgebracht habe, weil ich ein guter Mensch bin und mir erhoffte, dadurch ihre Sympathien zu gewinnen. Niemand kann jemanden hassen, der Geschenke mitbringt. Malte bekommt einen Schokohasen – Klassiker! Ich kenne Malte noch nicht gut genug, aber damit kann ich nichts falsch machen. Für Björn habe ich gestern abend extra ein Bio-Ei gold angesprüht und in friemeliger Friemelarbeit kleine Herzchen draufgeklebt. Alles nur, um zu entschuldigen, dass ich trotz all der Sympathie, die ich für ihn habe, niemals zu emotionaleren Gesten fähig sein werden, als ein Regenbogen-Emoji im WhatApp-Chat. Die Beschenkten reagieren verhalten, als würde das Geschenk in erster Linie zusätzlicher Ballast im Rucksack bedeuten. Ich bin nicht gut im Dinge verschenken.

Andererseits bin ich auch nicht gut im Geschenke annehmen, was Björn mir aufgrund zweier SEHR GUTER Geschenke, die er mir einst gemacht hat, gerne und häufig unter die Nase reibt. Ein Geschenk musste ich aufgrund einer finanziellen Notlage weiterverkaufen, bei dem anderen habe ich nicht mit der gleichen Euphorie reagiert, wie der Schenker beim Kauf, was mir als Enttäuschung ausgelegt wurde. Dabei waren es jeweils zwei SEHR GUTE Geschenke. Karma hat in diesem Jahr aber bereits dafür gesorgt, dass ein SEHR GUTES Geschenk von mir beim Beschenkten derart gebombt ist, dass ich demnächst nur noch Gutscheine verschenken werde.

Nach der kurzen Rast wieder Wald. Immer noch nieselt es in einer Tour. Unangenehmes Wetter, unangenehmer Plantagenwald, dann: unangenehmer Plantagensee. Fischzucht. Bitte nicht schwimmen! Lasst die Fische in Ruhe! Blablabla. Pffft! Meine Meinung zu Fischen hat sich nicht geändert. Lemminge der Meere. Nur, dass die Sache mit den Lemmingen eine fiese Unterstellung ist, Fische aber wirklich strunzdumm sind. Zappeln, zutteln, winden, aalen – alles ekelige Verben, die das Leben und den Handlungsspielraum eines Fisches bereits ausreichend beschreiben. Vom Hass ganz aufgepeitscht biete ich Björn 50 Euro an, wenn er kopfüber in den Teich springt. Björn zögert. Zu lange gewartet, ich gehe runter auf 30 Euro. Jetzt oder nie! Zuschlagen, sonst ist das Geld ganz weg. Er fragt nach den genauen Bedingungen. Einmal komplett rein, Kopf unter Wasser, den Fischen möglichst viel Stress bereiten. Ich geh weiter runter 15 Euro. Malte springt mit 15 Euro ein. Björn rechnet aus, was er sich für 30 Euro alles kaufen kann. Pizza, ein Steam-Spiel – das war’s dann auch schon, aber das reicht ja für einen guten Abend. Er willigt ein. Malte und ich fühlen uns ganz mächtig mit unserem Geld und holen zur Krönung der Demütigung die Kameras raus. Komm, Bauer, tanz für uns!

 
Björn versteht die Häme nicht (“Ich hätte es auch für 10 gemacht”). In seinen Augen hat er gerade eine Pizza und ein Spiel bei Steam geschenkt bekommen und uns feine Lords, denen Geld nichts bedeutet, so richtig ausgenommen. Jeder lacht den anderen aus. Überlegungen, wo der eigene Preis liegt. Und wofür? Als Teenager habe ich mit meiner besten Freundin so ein “Wenn du müsstest”-Spiel gespielt, das meistens auf die Frage hinauslief, für wie viel Geld wir was mit einem ekeligen Typen machen würden. Zumindest in der Theorie haben wir sehr viele finanziell verlockende Angebote abgelehnt. In der Praxis haben einige ekelige Typen dann noch nicht mal was zahlen müssen.

Schnaps! Malte hat einen polnischen Haselnussschnaps dabei, der die Geister wieder wecken und die sozialen Gräben zwischen uns zuschütten soll. Björn gibt ihm ein “Hell, yeah!”, die Pinnchen werden verteilt. Aber ich bin immer noch krank und traue mich nicht. Außenseitertum. Mein Kopf schmerzt, meine Nase läuft, mir geht es wirklich Elend. Was mache ich hier im Wald? Warum kann ich nicht mit den coolen Kids Alkohol trinken? Der übliche soziale Druck wird aufgebaut: Ach, komm schon, der ist ganz mild, hier riech mal! Boah, ist der lecker! Die Männer trinken Brüderschaft. Er riecht wirklich gut. Malte hat das besserer Geschenk dabei und sofort alle Sympathien gewonnen. (Merken: Alkohol verschenken! Nicht mehr diesen emotionalen Quatsch mit Ebene. Niemand kann auf emotionale Gesten!).

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Meine Erkältung erwacht von Neuem. Jetzt hat sie sich durch die Nase in mein Gehirn gefressen. Ich fange an zu halluzinieren und sehe mehrmals die Reflexion der Sonnen auf dem Waldboden, wo doch nur frische Holzspäne liegen. Jeder Baumstumpf sieht aus wie ein Fuchs. Ich bin mehrmals kurz davor meine Gefährten auf die Sonne oder die Füchse im Dickicht aufmerksam zu machen. Baum, Waldboden, Holzspäne, Baum, Baum, Baum. Jetzt bloß nicht verrückt werden. Alles wiederholt sich. Alles wiederholt sich. Wir schweigen beim Gehen. Ich versuche meine Gedanken weg von den Bäumen und Füchsen in mein Innerstes zu lenken. Meditation. Geh in dich und lausche. Dort werde ich schon erwartet. Einen ganzen Fragenkatalog hält man mir vor. Ich kann keine Frage beantworten. Was wollt ihr von mir? Wieso muss ich das wissen? Wieso muss ich das entscheiden? Wer sagt das? Das hat er nie gesagt! Warum stellt ihr mir solche Fragen? Ich flüchte vor den Inquisitoren durch lange, dunkle Gänge. Endlich ein Ausgang.

Als ich wieder zu mir komme, stehen wir an einer Bushaltestelle. Straße, drei Häuser, fast schon Zivilisation. Björn checkt die Fußballergebnisse, Malte holt schon wieder den Schnaps raus. Die zweite Runde wird eingeläutet. Euphorie bei Björn. „Auf jeden Fall!“ So viel Schönes an einem Tag. Ich schwöre ihnen, am Abend einen mitzutrinken, um mich nicht völlig ins soziale Abseits zu katapultieren. Bis heute Abend bin ich sicher wieder gesund.

Der Schnaps bringt uns zusammen, lockert die Zungen. Wir reden wieder miteinander. “Was war das schönste Kompliment, das dir jemals jemand gemacht hat?” Björn grinst erst in sich rein, behauptet dann aber, sich nicht genau erinnern zu können, irgendwas von seiner Mutter. Ich selber schwanke zwischen den ersten Worten, die Björn je zu mir gesagt hat (“Du bist cool!”), oder einer Sache, mit der ein guter Freund neulich versucht hat, sein Shit-Sandwich genießbar zu machen (in etwa: “Du bist schon eher die Hässliche von euch beiden, aber dafür bist du diejenige, mit der ich am ehesten angeben würde.”). Beides keine Top-Komplimente. Richtig gefreut habe ich mich allerdings vor einiger Zeit, als mich ein Fremder auf meinen Blog angesprochen hat und sagte, wie sehr ihm das alles hier gefalle – da habe ich mich beinahe etwas geschämt, so schön war das. Das beste Kompliment hat aber Malte auf Lager: Als er in einer Gruppe lose bekannter, junger Leute von jemandem ohne jeglichen Grund angemacht wurde, sprang ein ihm ebenso nur entfernt bekannter Typ dazwischen mit den Worten: „Lass Malte in Ruhe! Der ist der Korrekteste von allen hier!“ Gutes Ding. Ich mag dieses Beispiel.

Wir gehen gedanklich zurück und stellen fest, dass wir uns an so viele kleine Dinge, so viele Nebensätze aus unserer Jugend und Kindheit erinnern können, die bei uns hängen geblieben sind. Bei Komplimenten müssen wir nachdenken, aber die schmerzlichen Kommentare, die bleiben haften. Unachtsam dahergequaselte Sprüche, die einen mehr beeinflusst haben, als nötig gewesen wäre. Mit 11 Jahren machte mich eine Mitschülerin mit halb kindlicher Direktheit, halb jugendlicher Provokation zum ersten Mal auf einen Pickel in meinem Gesicht aufmerksam. Ich war mir bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst, dass ich überhaupt ein Gesicht habe – aber von diesem Tag an gab es nichts anderes mehr. Und das Gesicht wurde die Jahre danach ja nicht besser. Das Messer muss nicht besonders scharf sein, um uns zu verletzen. ABER JETZT SIND WIR JA ALLE PSYCHISCH STABILE, PRODUKTIVE MITGLIEDER DER GESELLSCHAFT UND NIEMAND KANN UNS WAS!
Wir zerstören noch gemäß der Bürgerpflicht ein AFD-Plakat und laufen wieder in den Wald.

10b
Schon wieder ein Friedhof. Ein RuheWald/FriedWald/VerwesungsWald. Schöne Idee eigentlich: Begraben werden unter den Baumkronen. Kein klotziger Grabstein und all der Tamtam – Engel, Blumen und Kerzen. Friedhöfe sind absurde Orte. So dramatisch. Schlechte Orte, an denen man sich schlecht fühlt. Schlimm genug, wenn jemand stirbt, aber dann ist die letzte Ruhestätte so ein unangenehmer Ort. Wer will schon regelmäßig an einen Ort gehen, mit dem man nichts verbindet außer die Beerdigung einer geliebten Person? Als letzte Ruhestätte völlig ungeeignet, aber ich gehe gerne dort spazieren. Ein dekoriertes Namensregister. Unzählige Geschichten, reduziert auf Name, Geburts- und Todestag. Jedes Grab ein Gespräch, das ich gerne führen würde. Außerdem laufen dort oft Eichhörnchen rum.

Malte nimmt ein Telefonat seines Sohnes an, der, soweit ich das aufgeschnappt habe, noch nicht in dem Alter sein sollte, in dem man so urlange Telefonate führen kann. Mini-Malte schafft es aber, Maxi-Malte für längere Zeit zu beschäftigen. Was kann ein Kind in dem Alter erlebt haben, dass es das in ein ewig dauerndes Telefonat verpacken kann? Immerhin erfahren wir so, dass der Handyempfang im Grenzgebiet NRW/Hessen stabil zu sein scheint.

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Nach dem Telefonat sind wir schon fast da: Bad Laasphe, eine Gemeinde, von der wir bis heute nicht genau wissen, wie sie ausgesprochen wird. Bad Laaaasffe? Bad Laas-pe? Wir kommen am schicken Wittgensteiner Internat aus dem Wald, was uns als einfache Malocher-Kinder sofort inspiriert, alle Vorurteile über Menschen mit Doppelnamen, Reitstiefeln und astreinem Arier-Ausweis auszukübeln. Außerdem ist der Herr Wittgenstein Sen. sicher auch nur über intransparente Wege im zweiten Weltkrieg zu einem Großteil seines Geldes gekommen. Wehe, wenn nicht!

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Bad Laasphe hat die perfekte Größe für einen kleinen Ort. Nichts ist über drei Etagen, die Wege sind kurz, Metzger und Blumenladen statt Tedi und Backprofi, über ein Dach läuft ein Pfau, als wäre das normal. Wir haben uns für die Nacht in einer ausgebauten Hütte eingemietet. Die Vermieterin entschuldigt sich, dass alles so “schlicht” ist, aber wir sind völlig begeistert. Das sind die besten 30m² , auf denen wir je gelebt haben. Malte und Björn würden hier sofort gemeinam einziehen. Sie beziehen das zweite Zimmer mit Doppelbett – ein bisschen Schullandheim-Stimmung keimt auf. Und jetzt heimlich zu den Mädchen im Nebenzimmer und Alkohol trinken. Schon füllt Malte die Pinnchen. “Du jetzt auch?”, “ja, schon.” Es schmeckt, wie ich mir als Jugendliche Alkohol gewünscht hätte: süß und lecker. Wieso fangen Jugendliche mit Bier an? Das tut doch geschmacklich wirklich alles, um vom weiteren Konsum abzuhalten. Acquired taste, am Arsch!

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Wir machen uns schick für den schönsten Moment im Leben: Futtern nach der Wanderung. Wirklich! Was ihr beim ersten Kuss, bei eurer Hochzeit, der Geburt eures Kindes, der ersten Million auf dem Konto fühlt, ist ein Scheißdreck gegen das Gefühl, nach einem langen Wandertag einen Teller Bratkartoffeln mit Spiegelei vorgesetzt zu bekommen. Nie war ich je so glücklich, niemals werde ich so glücklich sein, wie in diesen Momenten. Das nahe gelegene Wirtshaus heißt Berghütte zur Teufelskanzel. Solider Name! Unsere angeschwollenen Beine schaffen es kaum die kleine Steigung rauf, aber Hunger ist ein starker Motor.

In der Teufelskanzel ist nichts los, aber wer da ist, der raucht. Erwartbar rustikal, kleine Tischdecke und Blümchen auf dem Tisch, kein Schnickschnack. Ich traue mich gar nicht zu fragen, ob die Bratkartoffeln ohne Speck sind. Björn braucht gar nicht auf die Karte gucken, Bratkartoffeln mit Ei sind bei ihm Pommes mit Champignon-Rahmsoße gewichen –  Preis egal! Dazu bestellen sich die Herren jeweils ein Bier und ich einen Kakao, weil der auch süß und lecker ist. Statt des Essens kommt der Chef und setzt sich zu uns. Wir sind drei soziale Misfits, die sich das aber auf keinen Fall anmerken lassen wollen, schon gar nicht bei coolen Leuten, die Wirtshäuser besitzen. Also reden wir mit ihm, bis er geht, was nicht passiert. Er hat viel zu erzählen und ist, wie sich schnell rausstellt, die interessanteste Person am Tisch. Einst Diskobesitzer in der Großstadt jetzt Wirtshausbesitzer in Bad Laasphe. Dann lädt er uns noch zum Sommerfest ein, bei dem es angeblich jedes Jahr zugeht wie in diesen Wurstwerbungen, wo die ganze Nachbarschaft lachend an einem großen Tisch unter freiem Himmel sitzt und keiner über Politik redet. Monate später wird mich Björn bei einem unserer therapeutischen Skype-Anrufe dazu überreden, der Teufelskanzel eine Mail zu schreiben, um nach dem Termin für das Sommerfest zu fragen. Die Mail wird unbeantwortet bleiben. Der blaue Doppelhaken bei WhatsApp und das kleine, runde Profilbild im Messenger sind die neuen Folterwerkzeuge.

(Nachtrag: Er hat sich gemeldet! Wir sind eingeladen! Alles ist wieder gut! Geht alle in die Berghütte zur Teufelskanzel)
Nacht.

Tag 2: 

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Niemand hat gut geschlafen. Im Bad habe ich gestern Abend eine Spinne gesehen, die Dusche am Morgen stresst mich also wie ein BMW-Drängler auf der Autobahn. Noch 18 Kilometer nach Biedenkopf, aber eigentlich würden wir gerne in Bad Laasphe bleiben. An einem Schaukasten vergleichen wir Wohnungspreise. Äußerst günstig. Das ist machbar. “Irgendwann schmeißen wir alles hin, holen uns zusammen ein Haus abseits der Stadt und finden unser Glück” ist unser ewiges Mantra. Warum nicht Bad Laasphe?. Häuser ab 80.000 Euro. Das ist derzeit meine monatliche Miete in Köln. Könnte ich in Bad Laasphe wohnen? Oder würde ich die schlecht gelaunten Gesichter, den Stinker in der Bahn, die beschmierten Häuserwände, das ständige Licht und die Tauben der Großstadt letztendlich nicht doch vermissen? Warum gibt es auf dem Land eigentlich keine Tauben?

Heute schweigen wir viel. Die Beine haben sich überhaupt nicht erholt und es geht viel bergauf. Zu der körperlichen Anstrengung kommt der psychische Druck, der sich aufbaut, wenn Menschen zu viel Zeit miteinander verbringen. An einem Aussichtspunkt geraten Björn und Malte aneinander. Die Ausschilderung ist uneindeutig. Jeder will in eine andere Richtung. Wir entscheiden uns für die richtige, nehmen uns alle wieder in den Arm und rutschen bergab bis Breidenstein.

Wir sind nun in Hessen. Das weiß ich aber auch erst, weil ich das gerade gegoogelt habe. Ansonsten laufen wir unwissend wie eh und je den Weg entlang. Wichtiger als geografische Angaben sind uns Dinge wie schöne Aussichten und Tierchen. In Breidenstein erblicken wir unweit eines großen Stausees eine Herde Schafe. Ein Wort – Schaf-Selfie – und die Geister sind geweckt. Das wird doch möglich sein! Wir hüpfen über die Wiese auf die Schafe zu. Unmengen von Schafen, da wird doch eines zu langsam für die Flucht sein! Leider verhält es sich mit Schafen wie mit diesen Fischschwärmen in Tierdokus. Tausende von Fische wabbeln auf engsten Raum herum, aber wenn der Hai kommt, bildet sich eine fischfreie Zone um ihn herum. Wie zwei negative Pole entfernen sich alle Schäfchen bei Annäherung von uns. Selbst die kleinen, unerfahrenen Lämmchen sind nicht dumm genug. Kein Schaf-Selfie.


Es müssen andere Tiere herhalten. Peter Wohlleben meint, dass der ganze Wald in Deutschland voller Tieren sei, aber meinen ersten Fuchs hab ich an einer Autobahnausfahrt gesehen. Hoffentlich lebt der noch. Dann die vielen Raubvögel, die geduldig auf den Schildern sitzen und auf Roadkill warten. Wer Tiere sehen will, sollte Autobahn fahren. Plötzlich erhasche ich im Dickicht einen Reh-Puschel. Niemand glaubt mir. So bringt das nichts. Ich muss dafür sorgen, dass die anderen das Tier auch sehen. Sofort habe ich meine Aufgabe für den Tag gefunden: Mit weit aufgerissenen Augen starre ich ins Dickicht. Aber wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel. Daher raschelt es plötzlich überall, jede Amsel ist ein Fuchs, jeder Stein ein Wolf. Wenn ich den anderen einen Wolf zeigen könnte, wäre ich der maximalste Gewinnertyp! Aber ich sehe nicht mal mehr ein Reh. Angestrengt starre ich weiter in den Wald. Ich starre und starre und starre, bis ich endlich auf dem Hang über uns drei Rehe fliehen sehe. Perplex flüstere ich: “rehe, rehe, Rehe, REHE!!!”. Björn und Malte sehen sie auch. Yes! Gewinnertyp! Drei Rehe! Das muss mir erst mal einer nachmachen. Wer drei Rehe sieht, hat eigentlich Reh-mäßig alles erreicht im Leben. Die nächste Steigerung wäre ein Fuchs, aber alles was ich sehe, sind noch mal die blöden drei Rehe, die zehn Minuten später immer noch vor uns zu fliehen scheinen. Urgh, Rehe, ihr seid so 14:28 Uhr!

Zwischen den Bäumen taucht unser Zielort Biedenkopf auf. Björn versucht den ganzen Tag über schon, die korrekte Distanz auf den Wegweisern zu erraten – und liegt häufig richtig. Malte und ich schweigen darüber. Mich hat ja auch keiner für meine drei Rehe gefeiert.

In Biedenkopf gehen wir direkt zum Bahnhof. Das Wetter ist heute zwar gut und die Innenstadt soll laut Björn einen Abstecher wert sein, aber niemand hat Kraft. Wir setzen uns also direkt auf unseren Bahnsteig, grinsen ein bisschen, weil ankommen immer super ist, dann futtern wir die letzten Kekse und Babybells. Keine Pommes für uns heute. Dafür noch ein Foto. Mit Selfie-Stick. Gut ist er!
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Nachtrag: In der Bahn zurück nach Biedenkopf gab es noch eine erwähnenswerte Begegnung mit dem Schaffner, aber es ist 23:00 Uhr und ich muss wirklich ins Bett. Bitte, lasst mich schlafen! Es ist Ende Juni und jeden morgen werde ich um 6:00 Uhr von den Vögeln und der Sonne und der Wärme wild und mit Zunge aus dem Schlaf geküsst. Björn schreibt doch auch. Kann der den Schaffner-Part nicht übernehmen?

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