Kölner Stadtwanderung: Nippes – Longerich – Weidenpesch, 11,8 km

Kurz vorweg: Im neuen Jahr geht’s hier steil nach oben! Sichert euch jetzt schon die vorderen Plätze und niedrigen Mitgliedsnummern auf Twitter, Instagram und Facebook (NEU! Besonders niedrige Mitgliedsnummern). Ich habe bereits jetzt neben diesem kleinen Text, noch einen kleinen Text, noch einen epischen Text und ein verdammt episches Video (BEN WANDERHUR!) in Arbeit. Ich bin im Januar so viel gewandert, als gelte es vor irgendetwas wegzurennen *lachenderEmojimitTränenindenAugenwegenAmbiguität*
Wir fangen klein an. Ich lüfte ein Geheimnis:

Was keiner weiß, weil es geheim ist: Ich bin Mitglied einer geheimen Wandertruppe, die sich regelmäßig zu geheimen Wanderungen trifft. Das bin ich seit einem Jahr, aber bisher habe ich alle Wandertermine pflichtbewusst mit *Interessiert markiert und blieb am Tag selber dann doch lieber im Internet.
2017 war kein Wanderjahr. Ich habe im Januar 2018 mehr Wanderungen unternommen, als in ganz 2017. Was für eine Schande! Wie faul kann man sein? Was ist aus dem 200 Euro GPS-Gerät geworden? Dem Glöffel? Dem Source-Wasserbeutel? Was soll die geheime Wandergruppe von mir denken, die mich mit offenen Armen und einem Pitch für meinen Blog in ihrer digitalen Niederlassung willkommen hieß?

Die Januarwanderung soll vor meiner Tür starten. *Interessiert. Fremde Menschen, aiaiaiaiai, ich kenne doch schon meinen Gefährten, warum wandere ich nicht mit dem? Aber einfacher können es mir die Geheimnis-Wanderer wirklich nicht machen. Ich werde mich in mein Outfit schmeißen und unverbindlich am Treffpunkt vorbei laufen. Wenn sich vor Ort ein Grüppchen unsympathischer Spacken tummelt, gehe ich an ihnen vorbei, wie ein normaler Fußgänger.

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Am Startpunkt tummelt sich ein Grüppchen gut gelaunter Freunde. Ein Hund ist dabei. Alle kennen sich. Da diese Wanderung eher ein längerer Spaziergang ist, tragen sie normale Winterbekleidung: Wollmäntel, festes Schuhwerk, gut aussehende Mützen, Umhängetaschen – alles andere wäre auch übertrieben. Oh Gott, ich bin der Spack! Jack-Wolfskin-Jacke, Wanderschuhe, Wandersocken, Wanderrucksack. Gottseidank hat man mir die Woche zuvor am Flughafen von La Palma den Wanderstock weggenommen (siehe: epischer Wandertext)! Gottseidank habe ich so lange zu Hause überlegt, ob ich überhaupt noch das Haus verlassen soll, dass am Ende keine Zeit mehr blieb meinen Wasserbeutel zu füllen.

Der geheime Wanderchef, der mich vor einem Jahr in die Gruppe holte, erblickt mich, erkennt mich, zerrt mich in die Mitte: auf den Opferstein mit dem frischen Wanderblut! Wenn dich als Neuling nicht sofort alle hassen, weil du ein ausbalanciertes Soziotop mit deinen ungeschickten Patschehändchen umhaust, oder ignorieren, weil niemand neue Leute kennen lernen will, dann fällt der Einstieg leicht: Wer bist du? Wie kommst du hier her? Was machst du sonst so? Gegenseitiges Arschschnüffeln, würde der Hund jetzt schreiben. Ich stecke bereits tief drin. Mh, sollte ich das so stehen lassen? Ändere ich bei Korrektur, vergesse ich sicher nicht!

Wir starten an einer hässlichen Bahnhaltestelle, neben einem hässlichen Parkplatz, in einer hässlichen Stadt. Das wird nichts fürs Auge heute! Der geheime Wanderchef navigiert uns per Handyapp direkt auf den falschen Weg. Sehr beruhigend, auch so ein Fake-Wanderprofi. Dann darf ich auch ein Jahr lang auf der Couch liegen und mich trotzdem Wander Woman nennen.

Meine Gruppeneinführung hat so gut funktioniert, dass ich vor Freude ganz aufgepeitscht und überschwänglich bin. Ich will alles von jedem wissen. Was soll das überhaupt, eine Wandergruppe? Müsst ihr nicht alle an irgendwelchen Projekten oder euren DJ-Sets oder eurer Diss arbeiten? Müsste ich nicht auch mal irgendwas davon machen?
Jeder hier hat Wandergeschichten auf Lager. Wir lästern über überteuerte Wanderkleidung, überteuertes Wanderzubehör, die schlimmsten Wanderungen (körperlich: immer irgendwas in den Bergen, ästhetisch: HAGENER-DREI-TÜRME-WEG!) und die schönsten Wanderungen – wie schön es ist, sich mit Gleichgesinnten zu unterhalten. Wäre das hier die richtige Gelegenheit meinen Berg-Fetisch von der Leine zu lassen? Will sich hier jemand über Edward Whymper oder den Nanga Parbat unterhalten? Oder darüber, dass es DIE Annapurna heißt, DIE, herrje!?
Der Weg ist von bestechender Hässlichkeit. Der Orkan Friederike steckt den Wäldern noch im Geäst. Das hat immerhin für eine Foto-Option gesorgt. Haha! Auto kaputt, Bio-G20.

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Viel Asphalt. Immerhin lerne ich so die Stadt kennen und nicht schon wieder ein Töpfer-Café oder den nächsten veganen Jonglage-Flohmarkt. Stattdessen: So etwas Wundervolles, wie diesen Tunnel, in dem seit den 70er Jahren niemand mehr einen Fuß gesetzt hat. Anders kann ich mir das Fehlen von großräumigen Graffitis nicht erklären. Weiß die Sprayer-Szene von diesem Ort?
So viele Freiflächen und was hier an die Wand getaggt wurde, zeugt wahrlich nicht von großem Handwerk. Eher von Viertklässlern mit diesem einen dicken Edding, der doch nur produziert wird, damit man beim Social-Media-Seminar ein paar gut leserliche Buzzwords aufs Kärtchen taggen kann (Social Targeting, Multichannel-Trichter, Engaging Content, Influence & Sentiment).

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Nach dem Tunnel schlagen wir einen kurzen Umweg zum örtlichen Krankenhaus ein, um uns dort mit dem notwendigen Zeug zu versorgen (Kaffee, Snacks, Morphium). Tunnel, Krankenhaus, Asphalt, Asphalt. Wenig Natur, wenig Wald, was auch daran liegt, dass zahlreiche Wege komplett gesperrt sind (Friederike). Mehrmals müssen wir ausweichen und so zb den Nordfriedhof umgehen. Schade, auf dem Melaten und dem Westfriedhof war ich schon. Mit dem Nordfriedhof würde mir nach Monopoly-Regel nur noch einer fehlen, bis ich das Ding voll hätte – ach nee, das waren ja Bahnhöfe… (Notiz an mich: Nordfriedhof und einen der Friedhöfe auf der Schäl Sick besuchen für großen Friedhofs-Monopoly-Text, Köln Edition).

Ein Gutes haben die Umwege aber, weswegen ihr jetzt leider was über Köln lernen werdet: Wir müssen eine kleine Siedlung durchqueren, die uns nach dem ganzen Rotz endlich bisschen Schönheit liefert. Die Siedlung Pallenbergheim. Den Namen kennt in dem Moment natürlich niemand. Wir wandern allesamt mit leuchtenden Kinderaugen an den weißen Fassaden vorbei. Ein bisschen wie in den Bergbausiedlungen im Ruhrgebiet, denke ich mir. Kein Haus sieht aus wie das andere, trotzdem sind alle stilistisch verbunden. Träume von Wohnraum in Köln steigen auf und zerplatzen an grünen Fensterläden – so einen Ort kann sich sicher niemand leisten, egal, wie viele Projekte, DJ-Sets oder Dissertationen auch in der Schublade liegen. Weinend verlassen wir Pallenbergheim.

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Im Nachhinein möchte ich die Scherben der zerplatzen Träume wieder zusammenflicken: Die Siedlung ist sozialer Wohnungsbau in Idealform. Der Industrielle Jakob Pallenberg ließ sie 1906 “für langjährige und bedürftige Mitarbeiter” bauen (Quelle: Ksta ©2018). Noch heute sollen die Mieten “recht erschwinglich” (ebd.) sein. COUNT ME IN AND CALL ME NAMES! Sofort richte ich auf allen Immobilienportalen einen Alert auf “Wohnung, Pallenbergheim” ein.

Zurück zum Weg: Der ist schon vorbei. Wir sind im Stadtteil Nippes angekommen und damit nur noch ein Grüppchen von 15 Personen, die den Bürgersteig verstopfen. Großstadt, Bordstein, Skyline. Dem angemessen lasse ich mich von einem Mitwanderer über die aktuellsten Beefs im deutschen Gangsta-Rap informieren. Der letzte Skandal im deutschen HipHop-Biz, den ich aktiv mitverfolgt habe, war die Pressekonferenz von TicTacToe. Naja.

Für noch ein wenig mehr Wiese schlagen wir den Weg ins Nippeser Tälchen ein, was klingt wie “Siedlung Pallenbergheim”, aber nur ein 08/15 Stadtpark ist, in dem ich authentisch in Hundescheiße trete. Bis zu unserer Einkehrmöglichkeit im Park hinke ich auffällig auf der Wiese hin und her, um unauffällig, den gröbsten Scheiß abzuschmieren, bevor es in Räumlichkeiten geht.

Das folgende Foto zeigt nun nicht den ollen Park, sondern ein Moor etwas früher in der Wanderung, aber ich wollte es euch trotzdem zeigen. Da gibt’s halt nichts drüber zu schreiben. Der Weg ging durch Kleingartenanlagen, ein bisschen Wiese am Stadtrand, ein bisschen Tümpelmoor und dann wieder Asphalt. Erwartet nicht, hier etwas über “den Weg” zu lesen. Wege sehen eh meist alle gleich aus. Wenn euch sowas interessiert oder ihr gar was lernen wollt, guckt Wunderschön! oder lest Peter Wohlleben oder sowas.

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Einkehren! Es ist keine Pommesbude, naja. Mit gut 10 Leuten essen wir sehr mittelmäßige Nudel- und Fleischgerichte, die vornehmlich durch ihre Soßhaftigkeit auffallen. Dafür laufen die Gespräche aber wieder gut. Ich werde in eine All-Female-Chorgruppe eingeladen und da ich ständig und so gerne singe, sage ich auch noch zu. Schon wieder neue Menschen kennen lernen. Ich zögere meine erste Gesangsstunde noch hinaus. Bei der nächsten geheimen Wanderung bin ich aber dabei!

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